Frankfurter Buchmesse 2011: Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte

Der erste Publikumstag ist auf der Frankfurter Buchmesse vorbei. Ich habe mich auf der Buchmesse umgesehen. In Teil 2 meiner Beobachtungen geht es um die Frage: Warum in Syrien auf dem Basar eine Frau ihren Mann verkauft und was Ulrich Wickert in seinem neuen Buch „Redet Geld, schweigt die Welt“ fordert.

Auf der ARD Bühne gab sich am frühen Samstagnachmittag der in Damaskus, Syrien, geborene Autor und promovierte Chemiker, Rafik Schami, die Ehre. Er präsentierte sein neues Buch, welches ihn zurück zu seinen Wurzeln führt. „Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte„, heißt sein aktuelles Werk. Der Titel geht auf eine Episode zurück, die Schami in seiner Kindheit erlebte.

Episode aus der Kindheit

Auf dem Basar habe Schami als Kind einmal eine Menschenansammlung gesehen. Da er mit seinem Großvater nur relativ weit hinten in der Menschenmasse gestanden und nicht direkt mitbekommen habe, worum es ging, habe sein Großvater gerufen: „Macht Platz für das Waisenkind, macht Platz für das Waisenkind!“

Die Menschen hätten einen Tunnel gebildet und beide seien nach vorne gegangen. Dort hätten sich ein Mann und eine Frau gestritten, weil sie ihren Mann verkaufen wollte. Er spreche ihr zu wenig.

In der vorderen Reihe angekommen, habe Schami seinen Großvater zornig gefragt: „Waisenkind?“ Rafik Schamis Eltern seien damals gerade erst 30 gewesen. Doch sein Großvater habe daraufhin ohne mit der Wimper zu zucken nach vorne geschaut und gemeint: „In siebzig Jahren schon.“

Geschichtenerzähler

Der gebürtige Syrer sieht sich als Geschichtenerzähler, der einen anderen Weg gewählt hat, als die Autoren seines Landes.  Er verlangt von ihnen die „Emanzipation der Autoren“ von Hemingway, Thomas Mann und anderen westlichen Schriftstellern. „Das Mündliche lebt für den Moment, das Schriftliche ist für die Ewigkeit“, sagt Schami  und beklagt, dass die syrischen Geschichtenerzähler vor langer Zeit ihre eigene Tradition aufgaben und lieber den europäischen Schriftstellern nacheiferten.

Schami bewegt dies sehr und mit ihm wohl auch einige Zuhörer an diesem Samstagnachmittag in Frankfurt. Er überzeugt und begeistert bei der ARD mit seiner lebendigen und humorigen Art.

Der syrische Autor über sein Heimatland

Der in Syrien geborene Autor kommt jedoch um einige Worte zu den Aufständen in seinem Heimatland nicht herum. „Gerüchte sind in Syrien die einzigen Nachrichten, die nicht zensiert sind“, erklärt Schami den Zuhören auf der ARD Bühne.

Die Deutschen müssten keine Angst vor dem Islam haben. Sie sei eine Religion der Händler  – also „die FDP der Religion“. Die deutschen Diskussionen, ob das Militär in Syrien einmarschieren müsse, kann er jedoch nicht nachvollziehen: „Deutschland soll nicht einmarschieren. Es soll nur eine Haltung zeigen, wie damals bei dem Umbruch in Polen. Einmarschieren wäre eine Katastrophe für Syrien.“

Die Deutschen sollen beharrlich sein. Ein Tropfen auf dem heißen Stein mache Dampf, viele Tropfen verursachen dagegen einen reißenden Fluss. Das würde den syrischen Demonstranten helfen ihr Ziel zu erreichen, denn „eine Republik kann nicht vererbt werden, sie muss durch Wahlen erkämpft werden“. Das müsse nicht nur der syrische Präsident verstehen.

Das Buch:

RAFIK SCHAMI: DIE FRAU, DIE IHREN MANN AUF DEM FLOHMARKT VERKAUFTE
Carl Hanser Verlag , ISBN: 978-3-446-23771-1

Redet Geld, schweigt die Welt

Nach Rafik Schami betrat Ulrich Wickert die ARD-Bühne. Der ehemalige Nachrichtensprecher stellte dort sein neues Buch vor: „Redet Geld, schweigt die Welt.“ Der Titel deutet schon darauf hin, dass es um die Finanz- und Schuldenkrise geht.

Auf die zeitgleich in Frankfurt am Main stattfindenden Occupy-Frankfurt-Proteste angesprochen, erklärt Wickert: „Die Politik muss verstehen, dass die Bürger nicht mehr wollen.“ Der Ausruf der Bürger – „Wir wollen, dass sich etwas verändert“ – habe in der Geschichte bereits häufig tatsächlich Veränderung bewirkt.

Ulrich Wickert auf der Buchmesse 2011

Ulrich Wickert auf der Buchmesse 2011 | Foto: Martin Krauß

Auch Wickert fordert Veränderung: „In der Wirtschaft muss wieder mehr Ethik sein.“ Ethik sei nichts anderes als ein Gerüst an Regeln, die sich die Gesellschaft gibt, um zu funktionieren. Ethik fordere aber auch Verantwortung.

Empört berichtet Wickert: „Es ist unglaublich, dass man gesagt bekommt, dass in der Wirtschaft die Handelnden von Ethik ausgeschlossen sind.“ Es gäbe Bänker, die sagen: Lieber Herr Wickert, das geht gar nicht. „Ich sage, das geht!“, ruft er in den Raum.

Geld und Gewinn sind nicht unethisch

Es gebe die Realwirtschaft und die Finanzwirtschaft. „Für mich ist das Gegenteil von Real eigentlich irreal, aber man nennt das Finanzwirtschaft.“

Die Spekulation gegen den Euro sei gesellschaftsschädigend. Wickert ist jedoch wichtig klar zustellen, dass Gewinn nicht unethisch ist. „Er gibt aber Arten Gewinn zumachen, die unethisch sind“, so der ehemalige Nachrichtensprecher.

Gewinn sei ein notwendiges Unternehmensziel, es dürfe jedoch nicht das alleinige Ziel sein. Gewinn ist ein Handlungsziel, keinesfalls aber ein Endziel.

Der Pirateneffekt

Ulrich Wickert erklärt den Zuhörern, dass es sinnvoll sei sich zu empören. Jeder Bürger habe die Macht auf Unternehmen Druck auszuüben. Wenn man erfährt, dass ein Unternehmen zum Beispiel Produkte durch Kinderarbeit herstellt, kann jeder für sich entscheiden, dass er diese Produkte dann nicht kauft. Wickert nennt dies „ethisch Einkaufen“.

Eine andere Möglichkeit sei es, sich bei Wahlen zu enthalten, oder eben die Piraten zu wählen. Diese Empfehlung habe Wickert schon unvorsichtigerweise gegeben und das, obwohl er mit dem Programm der Piraten nicht übereinstimme. „Die Ergebnisse der Berlinwahl haben einiges offenbart“, sagt Wicker und analysiert, dass dieser Wahlerfolg „die etablierten Parteien nervös“ gemacht habe. Der Erfolg der Piraten habe die etablierten Politiker zum Nachdenken gebracht.

Das Buch:

ULRICH WICKERT: REDET GELD, SCHWEIGT DIE WELT
– Was uns Werte wert sein müssen –
Hoffmann und Campe , ISBN: 978-3-455-50224-4

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