Im Wald | Eine Kurzgeschichte

Die Adventszeit ist nicht immer eine ruhige Zeit. Plätzchen werden gebacken, der Tannenbaum muss ausgewählt und die Geschenke für die Liebsten verpackt werden. Wenn man im Stress ist, passieren auch mal Missgeschicke. Mit der folgenden Kurzgeschichte beginne ich meine Fiktion-Reihe, aber denkt daran: Es ist alles nur Fiktion.

Es war der Tag vor Heilig Abend und Familie Gutbrot fehlte noch immer der Weihnachtsbaum. Mutter Gutbrot steckte mitten in Backarbeiten für die Weihnachtsfeiertage und plante auch sonst das ganze Fest. Ihr Mann kümmerte sich dabei praktisch um nichts. Doch nun sollte er in den Wald losziehen und den Christbaum schlagen. Eine Aufgabe, die ihm Jahr für Jahr zuwider war, doch es half alles nichts. Mutter Gutbrot würde ihm keine Ruhe lassen.

Er stieg schlecht gelaunt in sein Auto und fuhr aus der Stadt heraus. In der Zeitung hatte Mutter Gutbrot von einer Tannenschonung gelesen und auf einem Foto eine Tanne gesehen, die sie nun unbedingt haben wollte. Es war eine besondere Tanne. Vater Gutbrot wusste aber schon jetzt, dass er diese Tanne nicht mitbringen würde.

Als er den Wald erreicht hatte, parkte er sein Auto auf einem Parkplatz, öffnete die Tür und trat mitten in braunen Schneematsch. Seine Hose war bis zu den Knien schön braun gefleckt.

Je tiefer Vater Gutbrot in den Wald kam, desto dichter waren die Wege mit Schnee bedeckt, vereinzelt sah er Tierspuren – vielleicht von Rehen.

Auf einem Hinweisschild, an dem er vor einer halben Stunde bereits vorbei gekommen war, stand: „Weihnachtstannenschonung 2 km“, aber er konnte noch immer keine Weihnachtsbäume erkennen. Nichts, weit und breit. Langsam wurde ihm unheimlich, denn er hörte auch keine Menschen.

Warum konnte sich Mutter Gutbrot nicht mit einem gekauften Weihnachtsbaum aus dem Baumarkt zufrieden geben? Die gab‘s doch schon ab 9,99 Euro und er konnte dann wenigstens auch noch nach der billigen Bohrmaschine schauen, die er seinem Sohn schenken wollte.

Nach einer weiteren halben Stunde hatte er die Weihnachtstannenschonung noch immer nicht gefunden. Die Axt, die er in seinen Händen trug, wurde immer schwerer. Vater Gutbrot begann sich zu ärgern. Er ließ die Tannenschonung Tannenschonung sein und drehte um.

Doch wo lag denn nun der Parkplatz auf dem er sein Auto geparkt hatte? Er meinte sich zu erinnern, dass er ein Stück geradeaus gegangen war, dann nach links abgebogen und dann wieder nach rechts gegangen war. Oder war es vielleicht doch noch einmal geradeaus dazwischen und dann nach links? „Ach was soll’s“, sagte er sich und ging los.

Weihnachtsbaum oder auch Christbaum genannt | Foto: Martin Krauß

Weihnachtsbaum oder auch Christbaum genannt | Foto: Martin Krauß

Es kam wie es kommen musste, Vater Gutbrot hatte sich verlaufen. Eh er sich versah, fiel er in ein mit Schnee und Eis bedecktes Bachbett und brach durch das Eis. Seine Hose war nun nicht nur mit Dreck bespritzt, sondern zusammen mit seinen Schuhen pitschnass.

Damit ihm nicht seine Füße abfroren, schließlich war es -5°C, ging der Herr im Hause Gutbrot nun umso schneller, einfach gerade aus in den Wald hinein. Plötzlich stolperte er und schrammte sich die Knie an einigen Steinen auf, die im Wald lagen. Seine Hose war nun am rechten Schienbein gerissen.

Als er gerade dabei war aufzustehen, hörte er ein tiefes Röhren. Kurz darauf dann ein lauter werdendes Grunzen. Vater Gutbrot fiel schlagartig ein Zeitungsartikel wieder ein, in dem von Wildschweinen berichtet wurde, die Jagd auf Menschen gemacht hatten. Als er erkannt hatte, dass es sich um ein Wildschwein handeln musste, rannte er los. Warum mussten nur ausgerechnet da wo er sich befand die Äste der Bäume so hoch sein. Nirgendwo bot sich für ihn die Möglichkeit auf einen Baum zu klettern und abzuwarten.

Er konnte nicht mehr, gleich würde ihn das Wildschwein einholen und dann wäre es aus mit ihm. Er blieb stehen und drehte sich dem Tier entgegen. Nur da war kein Tier. Da war kein Grunzen mehr – nichts. Langsam begann er die Umgebung abzusuchen. Da war nichts. Er fand noch nicht einmal Abdrücke des Tiers. Nur seine eigenen waren da. Das konnte doch nicht sein!

Vater Gutbrot ging weiter, nach dem er wieder etwas zu Atem gekommen war. Er hatte bemerkt, dass der Wald lichter wurde und erreichte schließlich eine Lichtung.

Darauf stand ein großes Schild: „Die zulässige Menge an Weihnachtsbäumen wurde bereits geschlagen und verkauft. Kommen Sie im nächsten Jahr wieder. Wir wünschen Frohe Festtage und ein gutes neues Jahr.“

„Das ist doch jetzt wohl ein Witz oder was“, dachte Vater Gutbrot, „Jetzt, wo ich diese unsäglichen Weihnachtsbäume gefunden habe, nehme ich mir auch einen mit. Ich muss ja nicht gleich einen am Weg nehmen. Weiter hinten gibt es bestimmt auch schöne Bäume, ich muss mich ja nicht erwischen lassen“.

Gesagt getan. Vater Gutbrot fand ein in seinen Augen tolles Exemplar eines Weihnachtsbaumes, zwar etwas schief gewachsen, aber man konnte ihn noch anschauen. Er nahm die Axt und schlug zu. Und noch einmal hob er die Axt. Plötzlich hörte er wieder das Grunzen von vorhin und schreckte herum.

Da war aber niemand, kein Mensch und Tier weit und breit. Vater Gutbrot horchte nun genauer hin. Vor allem fiel ihm nun auf, dass das Grunzen von seiner Hosentasche aus kam. Er griff hinein und beförderte das Handy seines jüngsten Sohnes hervor. Der wurde angerufen. Wütend schrie Vater Gutbrot: „Wie kann man nur so einen Klingelton haben.“

Irgendwie schaffte er es, den Baum zu seinem Auto zurückzubringen, ihn nach Hause zufahren, ihn aufzustellen und zu schmücken. Am nächsten Morgen taten ihm seine Füße, wie auch seine Beine und sein Rücken weh. Am liebsten wollte er den Heiligen Abend ausfallen lassen, aber er hatte Kinder die sich auf Weihnachten freuten.

Am Heiligenabend staunten die Kinder nicht schlecht über den leicht schiefen Weihnachtsbaum, bei dem Vater Gutbrot noch zwei von drei Spitzen abgeschnitten hatte. Die Weihnachtsbaumspitze konnte die Schnittstellen gerade eben noch über decken.

Bevor es die Geschenke für die Kinder gab, darunter die Bohrmaschine für den 15 jährigen Sohn, damit der endlich mal lernte damit umzugehen, verlangte es die Familientradition einige Weihnachtslieder zu singen. Nach „O du fröhliche“ und „Kommet, ihr Hirten“ kam Familie Gutbrot zu „O Tannenbaum“ und der Vater dachte nur: „Oh, O Tannenbaum, wehe du fängst an zu nadeln…“ und trank schnell noch etwas Glühwein, damit er seine Schmerzen nicht so spürte.


Wenn ihr jetzt darüber nachdenkt, ob mir das widerfahren ist, dann kann ich euch beruhigen. Die Geschichte ist frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit realen Begebenheiten, Personen oder Firmen sind nicht beabsichtigt und somit rein zufällig.

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