Mord für Literaturkritiker

Es ist Nacht. Ein Personenzug rollt durch die Alpenlandschaft. Ein Schaffner nähert sich. Er bittet die Passagiere ihm die Tickets zu zeigen. Der Schaffner klopft an die Tür eines Abteils, dessen Vorhänge geschlossen sind. Niemand rührt sich. Ein Mord in Österreich, eine Kommissarin aus Wien und ein Toter aus Berlin – die Zutaten für diesen Krimi sind international. Doch etwas bleibt dabei „Auf der Strecke“.

Claus-Ulrich Bielefeld und Petra Hartlieb, die Autoren des Kriminalromans Auf der Streckekennen sich in der Literaturszene gut aus. Claus-Ulrich Bielefeld arbeitet als Literaturkritiker und Petra Hartlieb betreibt laut Autorenbeschreibung des Verlags „mit ihrem Mann eine Buchhandlung in Wien.“ Hartlieb hat zuvor jedoch ebenfalls als Literaturkritikerin gearbeitet. Kein Wunder also, dass der erste gemeinsame Roman in der Literaturszene spielt.

„Der erfolgreiche junge Autor Xaver Pucher hatte noch viel vor. Doch unterwegs zu seinem Agenten, dem er sein neues Manuskript überreichen wollte, wird er im Schlafwagenabteil auf der Strecke zwischen Wien und Berlin ermordet.“

So wird die Handlung des Romans im Klappentext vom Diogenes Verlag beschrieben. Der Grundgedanke des Krimis ist gut, auch die Internationalität des Mordfalls hat Potential, doch die beiden Autoren haben etwas zu viel gewollt. Im Laufe der Geschichte entdecken die Wiener Kommissarin Anna Habel und der Berliner Kommissar Thomas Bernhardt zahlreiche Spuren.

Von diesen Spuren wird jedoch kaum eine wirklich aufgeklärt. Bei Vernehmungen von Tatverdächtigen kommen die Kommissare nicht zum Punkt, immer wieder wird ein neues Fass aufgemacht oder erwähnt, dass die Intuition der Wiener Kommissarin ausschließt, dass eine spezielle Spur verfolgt werden sollte.

Nur ein freundlicher Umgangston bleibt

Die Geschichte wird zwar trotz des Wirrwarrs von den beiden Hauptfiguren getragen, doch auch hier fehlt dem Leser der Bezugspunkt. Er erfährt etwa nach der Hälfte des Buches, dass sich die Kommissare näher kommen. Dieser Erzählstrang wird dann gleich wieder verworfen und im restlichen Teil der Geschichte bleibt schließlich nur ein etwas freundlicherer Umgangston zwischen den Protagonisten übrig.

Hauptbahnhof Berlin

Hauptbahnhof Berlin | Foto: Martin Krauß

Zudem beschreiben die Autoren Parallelwelten. So gut die Idee auch ist den Piefke aus Berlin mit der Wienerin zu konfrontieren, sie zündet leider nie wirklich. Der Berliner ermittelt eben in Berlin und die Wienerin in Wien. Bis auf zwei persönliche Treffen der beiden Kommissare kommunizieren sie ausschließlich über die Telefonleitung. Schade eigentlich, denn die beiden Charaktere haben Potential. Das Problem des Romans zeigt sich jedoch in der mangelnden Abwechslung. Zu oft bekommt der Leser zu ähnliches serviert.

Folgender Dialog hat zwar Charme:

»Ja, hier ist die Anna Habel. Schön, dass Sie doch noch rangehen. Arbeitet ihr eigentlich mit Zeitverzögerung in Berlin? Das dauert ja endlos, bis einer abhebt…«

»Was bilden Sie sich denn ein? Endlos. Was haben Sie denn für Vorstellungen? Wenn ihr in Wien so schlecht ermittelt, wie ihr unpräzise vor euch hin quatscht, na dann, gute Nacht. Habt ihr, haben Sie überhaupt den Hauch einer Ahnung…«

»Sorry.«

»Ja, sorry, sorry. Was Besseres fällt Ihnen auch nicht ein. Also, was ist?«

Doch leider wiederholt sich eben dieser Dialog in minimalen Abwandlungen bei jedem Gespräch/Anruf der beiden Kommissare. Hier hätte es dem Roman gut getan einen der Kommissare nach der Hälfte des Buches dauerhaft in die fremde Stadt zu schicken. Angedeutet haben das die beiden Autoren bereits bei der Stippvisite des Berliner Kommissars in der österreichischen Hauptstadt. Sie haben es leider nicht konsequent durchgezogen.

Ein Testament als Schlüssel für ein spannendes Ende

Gegen Ende des Romans überschlagen sich dann plötzlich die Ereignisse. Der Berliner Kommissar bekommt einen Schlüssel zu einem Schließfach ausgehändigt, worin zufälliger Weise der Tote die Lösung des Falles in Form eines Testaments deponiert hat. Keine Angst, ich habe damit nicht den Mörder verraten, denn von da an beginnt erst der Showdown. Doch der Leser fragt sich dabei: Was haben die Kommissare die ganze Zeit gemacht? Bis zu diesem Punkt hat man bereits rund 300 Seiten gelesen und dann wird auf den restlichen 58 Seiten der Fall gelöst.

Für kommende Romane des Duos sollte also gelten: Mehr Tempo, mehr Mut und eine komplexe Handlung reicht. Sie muss nicht komplex und dazu noch verschleiert sein, sonst bleibt der Leser auf lange Sicht „Auf der Strecke“.

Das Buch:

PETRA HARTLIEB, CLAUS-ULRICH BIELEFELD: AUF DER STRECKE
Diogenes Verlag , ISBN: 978-3-257-24068-9

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