Setzen Sechs!: Schüler, die weißen Mäuse der Politiker

Grundschüler in Bayern lesen und rechnen besser als in Bremen, Hochschulen haben mit einer Schwemme an Studierenden zu kämpfen und Kinder werden zu Pflichterfüllern – die Nachrichten der vergangenen Wochen und Monate zeigen ein Dilemma. Aber noch viel schlimmer, sie zeigen: Schüler sind nur noch Versuchstiere der Politiker.

Bildungspolitik ist Ländersache, so sieht es das Grundgesetz vor. Mit dieser Entscheidung werden aber zugleich ganze Generationen von Schülern den Profilierungssüchten der politischen Parteien geopfert. Sie sind die weißen Mäuse, die Labortiere der Bildungspolitiker. Wenn ein Versuch misslingt, dann gibt es ja die nächste Schülergeneration.

Die PISA-Studie kritisiert regelmäßig, dass Schüler beim Leseverstehen und bei der Interpretation von Informationen und Daten Probleme haben. Dieses Problem scheint schon seit Jahrzehnten zu bestehen. Wie sonst ist es zu erklären, dass die Politiker in den Ländern Elementares nicht verstehen: Die wechselnden Schulkonzepte, eine fehlende durchgängige Schulstruktur und ein enormer Druck auf die Schüler, wie auf die Schulen, tragen zu dem schlechten Abschneiden ihrer unfreiwilligen Labortiere bei.

Nebenwirkungen der Experimente

Noch Fragen? | Foto: Bettina Braun, flickr, CC-BY

Noch Fragen? | Foto: Bettina Braun, flickr, CC-BY

Die Nachrichten der vergangenen Wochen und Monate waren im Bildungsbereich erneut von negativ Meldungen geprägt. Grundschüler in Bayern lesen und rechnen besser als etwa in Bremen. Hochschulen haben mit einer Schwemme an Studierenden zu kämpfen, auf die sie nicht ausreichend vorbereitet sind. Kinder werden zu Pflichterfüllern, die die Inhalte der überfüllten Lehrpläne schnell wieder die mentale Toilettenschüssel runterspülen. Schüler leiden wegen des großen Drucks an Depressionen oder werden krank. So sehen die Nebenwirkungen aus, die die Medizin der Bildungspolitiker, egal welcher Parteien, mit sich bringt.

Sicher, Veränderungen sind auch im Schulsystem notwendig. Es verursacht jedoch Probleme, dass diese Veränderungen unüberlegt durchgeführt werden. Häufig zeigen sich die Probleme auch erst einige Jahre nach dem Eingriff in das Schulsystem. Die verkürzte Gymnasialzeit – auch G8 – genannt sollte in Deutschland dafür sorgen, dass Schüler schneller der Wirtschaft als Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Gleichzeitig wurde jedoch für männliche Schüler die Wehrpflicht beziehungsweise die Ersatzdienstpflicht beibehalten. Gerade für die in vielen Studien als „lernschwach“ betitelten männlichen Wesen war dies eine Benachteiligung.

Desorientierung nach der ersten Reforminjektion

Die Wehrdienst- oder Zivildienstzeit brachte für die Absolventen der Gymnasien jedoch auch die Möglichkeit eine Perspektive für sich zu finden. Sie hatten die Chance über ihre Zukunft nachzudenken. Ein Schritt, der schon in der Oberstufenzeit von G9-Schülern kaum möglich war. Bereits in diesem System konnten die Schüler in Spitzenzeiten nur bis zur nächsten Klausur, zur nächsten Prüfung schauen. Der Druck war bereits hier enorm, der Bedarf nach einer Entlastung auch hier vorhanden. Die Rückkehr zu G9 ist deshalb nicht das Heilmittel von G8. Es wäre nur der Gedanke: Zurück zum Start der Laborversuche. Die tatsächlich notwendigen Veränderungen, die von der Politik gerade erst verstanden wurden, würden dadurch in die Tonne mit dem Laborabfall getreten.

Inzwischen haben die ersten Jahrgänge G8 absolviert. Zudem wurde die Wehrpflicht ausgesetzt, weshalb die Abiturienten in Massen an die Hochschulen und Universitäten strömen. Direkt nach der Schule? Die Berichte über Abiturienten, die erst einmal eine Auszeit nehmen, häufen sich. Als Backpacker durch Australien oder Neuseeland, als Mitarbeiter einer Hilfsorganisation nach Brasilien, Südafrika oder Indien – die Entscheidungen sind individuell und glücklicherweise meist nicht ausschließlich davon getrieben, dass sich ein solcher Aufenthalt im Lebenslauf gut macht.

Labormäuse im Hamsterrad der zweiten Reforminjektion

Und wenn sie zurückkommen? Dann wartet die nächste Rolle als Bildungslabormäuse auf sie. Die Ausbildungsgänge in Berufsschulen werden reformiert, erhalten andere Namen, andere Spezialisierungen. Können die Auszubildenden in zehn Jahren noch darauf hoffen, dass ihr Berufszweig überhaupt zum Arbeiten befähigt? Stellen Firmen in zwanzig Jahren noch Menschen ein, die einen dieser spezialisierten Berufe gelernt haben? Oder werden dann nicht längst wieder andere Berufsbilder bevorzugt?

Zugleich geht die Spezialisierung der Studiengänge ebenfalls voran. Entscheiden sich die Abiturienten für einen Bachelor-Studiengang, ist noch lange nicht sicher, dass sie mit diesem komprimierten Studiengang auch einen Masterstudienplatz ergattern können. Was mit der Einführung versprochen wurde, bleibt weiterhin die Fantasie von Bildungslaboranten: Der problemlose Wechsel zwischen Bachelor- und Masterstudiengang von einer Hochschule zur anderen, von einer Universität zur anderen Universität. Häufig sind die Angebote nicht kompatibel und der Druck in den Studiengängen ebenfalls so hoch, dass Studierende über eine Auszeit nach dem Bachelor nicht nur nachdenken. Sie holen sich die von den Bildungslaboranten gestohlene Zeit zurück. Was ihnen fehlt ist Kontinuität, nicht in der Regelmäßigkeit von Reformen und Grundsanierungen, sondern in der Verlässlichkeit einer guten Ausbildung. Eine Ausbildung, die die Labormäuse zu Laboranten macht, die praktische Erfahrungsexperimente im Leben der Einzelnen erlaubt und unterstützt.

Dieser Beitrag wurde um 13.26 Uhr aktualisiert.

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