Online-Journalismus erklären…

On-Journalismus, was ist das? Das spannende an der Frage ist, dass die Antwort je nach Zielgruppe anders ausfällt. Für Digital Natives ist On-Journalismus Alltag. Für gestandene -Redakteure Neuland. Ein Versuch Onjournalismus zu erklären.


Online-Journalismus, was ist das eigentlich? Diese Frage wurde zu einer Leitfrage meiner Präsentation. Deshalb auch das Fragezeichen im Titel.

Online-Journalismus erklären, ist gar nicht so einfach. Besonders dann nicht, wenn die Zielgruppe des Vortrages keine Journalisten sind, sondern Schüler einer achten Klasse. Die Schüler setzen sich gerade im Unterricht mit dem Thema Journalismus auseinander und hatten auch schon Besuch von einer Print-Redakteurin bekommen. Ich habe am Donnerstag dennoch versucht die interessantesten und zugleich relevantesten Punkte zu erklären.

Um zu erklären, wer ich bin und warum ich über dieses Themengebiet spreche, bat ich eine Schülerin nach mir auf Google zu suchen. Mich freut, dass ich dort inzwischen nach meinem Namensvetter, der in Berlin als Journalist unterwegs ist, bei Google mit Martin Krauß an zweiter Stelle gelistet werde.

Auf die Frage hin, wo ich denn arbeite, verwies ich auf meine Weblogs und auf die Hochschule Darmstadt. Mein Beruf ist auch nach der Gründung einer Schülerzeitung an der Eleonorenschule Darmstadt, fünf journalistischen Praktika, der Arbeit als freier Journalist und vier Semestern im Bachelor Online-Journalismus Studium an der Hochschule Darmstadt weiterhin Student.

Aber ein Student, der früher mal Schüler an der Eleonorenschule war. Auf die Idee zu dem Besuch kam ich bei den Jubiläumsfeierlichkeiten vor einem Jahr und vor einem halben Jahr. Ich kam mit dem betreuenden Lehrer der Schülerzeitung ins Gespräch, was die Begeisterug oder auch fehlende Begeisterung für gedruckten Journalismus bei Jugendlichen betrifft.

Social-Media: Das digitale Profil ist wichtig

Und sonst noch so? Ich bin ein Blogger, der bei Twitter, YouTube, Facebook, Google+, Google, Linked in, diigo, Xing und weiteren Diensten mit Profilen vertreten ist. Die Schüler kannten davon vor allem Twitter, YouTube und Facebook. Wobei sie Twitter als problematisch einstuften, weil man dort viel von sich preisgebe. – Insgesamt gab es in der achten Klasse eine Grundskepsis gegenüber der Vielzahl der Dienste. Eine Einstellung, die ich in dieser Altersgruppe nur begrüßen kann.

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Doch bei all den Diensten, die das Internet anbietet: Man muss als Mensch nicht in all diesen Diensten registriert sein und muss auch nicht alle beherrschen. Wichtig ist aber, dass jeder Online-Journalist bereit dazu ist, Neues auszuprobieren und nicht davor zurückzuschrecken, wenn sich der Alltag durch eine Weiterentwicklung oder einen neuen Dienst zu verändern droht.

Für angehende Journalisten ist bei all diesen Internetaktivitäten wichtig, dass man darauf achtet, welches digitale Profil man im Netz zeigt. Wobei: Auch für andere Berufe gilt, dass man die Spuren, die man im Netz legt, kennen und bewusst auslegen sollte. Interessant war der Hinweis auf Facebook und die Privatsphären-Einstellungen in sozialen Netzwerken. Der eine oder andere Schüler argumentierte, dass Facebook-Profile auch gehackt werden könnten. – Nicht nur Facebook-Profile.  Für mich war Folgendes spannend zu erleben: Presseberichte über Einbrecher, die auf Facebook-Profilen nach Leuten suchen, die im Urlaub sind, haben bei den Schülern einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

Was hat das mit Journalismus zu tun?

Eine gute Frage, auf die es nicht nur eine Antwort gibt. Doch um diese Frage beantworten zu können, muss erst geklärt werden, was Journalismus eigentlich ist. Aus der Klasse bekam ich die wesentlichen Punkte genannt: Suche nach Informationen, Aufbereitung der Informationen für eine Zielgruppe, Informationen müssen wichtig und richtig sein.

Ich habe zur Zusammenfassung die Definition von Journalismus von Klaus Meier aufgerufen:

„Journalismus recherchiert, selektiert, und präsentiert Themen, die neu, faktisch und relevant sind. Er stellt Öffentlichkeit her, indem er die Gesellschaft beobachtet, diese Beobachtung über periodische Medien einem Massenpublikum zur Verfügung stellt und dadurch eine gemeinsame Wirklichkeit konstruiert. Diese konstruierte Wirklichkeit bietet Orientierung in einer komplexen Welt.“ (Klaus Meier: Journalistik, UVK Verlag, 2007)

Diskussionsstoff bot hier, wie auch im ersten Semester meines Studiums, der Begriff „konstruierte Wirklichkeit“.  Journalismus erfindet ja nichts. Aber durch die Auswahl der Nachrichten in einer Zeitung, einer Nachrichtensendung oder auf einer Nachrichtenseite bietet der Journalismus den Nutzern ein Spiegelbild der Wirklichkeit an. Diese müssen sich darauf verlassen können, dass die Informationen der Journalisten stimmen. Ein normaler Nutzer kann schließlich nicht einfach mal nach China zum Parteitag der Regierungspartei reisen oder zu Obamas Wiederwahl in die USA, wenn er darüber Informationen erhalten möchte.

Und Online-Journalismus?

Was diese Richtung des Journalismus angeht, bietet Alexander Görlach im Gründerszene Lexikon eine erste Idee:

Während Görlach die Unterschiede in der Recherche besonders betont, sehe ich auch eine neue Kompetenz, die für Online-Journalisten wichtig ist. Themen sollten im Netz nicht einfach als Text umgesetzt werden, weil es seit Jahren so gemacht wird. Online-Journalisten müssen entscheiden, welche Medienform für das jeweilige Thema den meisten Mehrwert bietet. Zudem bietet das Internet die Möglichkeit Medienformen zu kombinieren.

Beispiel 1: Before-After-Pictures

Vorher – / Nachher-Bilder gibt es schon lange. Ob in der Zeitung oder im Fernsehen und auch im Radio sind Gegenüberstellungen von O-Tönen oder Geräuschkulissen möglich. Das Internet bietet nun die Möglichkeit der bloßen Gegenüberstellung den Faktor „Erlebnis“ hinzuzufügen. Indem Bilder übereinandergelegt werden und der Nutzer selbst entscheidet, wie er die Veränderung entdeckt, entsteht ein Mehrwert.

Beispiel 2: Videos

Web-Videos – sie gibt es in vielfältigster Form. Von eingekauften Agenturvideos, über Videos von Leserreportern bis hin zu selbstgedrehten Videos, die etwa auf lokaler Ebene als Mehrwert akzeptiert werden können, da Themen aufbereitet werden, die für die Rundfunkebene nicht relevant genug sind.

Beispiel 3: Social-Media-Inhalte nutzen

Im Internet ist es möglich, das Potential der Masse zu nutzen. Große Recherchen können auf eine Vielzahl von Schultern verteilt werden, aber auch die aus Radio und Fernsehen bekannten Vox-Pops können durch das Einbinden von Kommentaren und Tweets nun online präsentabel dargestellt werden. Der Dienst Storify bietet dabei nur eine Möglichkeit von vielen.

Beispiel 4: Neue Erfahrungswelten

Neben all den Kombinationen Text + ein anderes Medium, gibt es im Internet die Möglichkeit, vollkommen neue Erfahrungswelten zu erschaffen. Erfahrungswelten, die von der gewohnten Website abweichen. Ein positives Beispiel ist hier etwa das 360°-Projekt des Schweizer Fernsehens zur Langstraße in Zürich. Mit dem nötigen Kleingeld konnte hier eine Straße lebendig abgebildet werden.

Die wirtschaftliche Seite

Wie das letzte Beispiel zeigt: Auch Online-Journalismus ist nicht billig. Zumindest dann nicht, wenn Online-Journalisten von den Medienhäusern und Verlagen eine größere Rolle zugestanden bekommen, als die Verwaltung von Inhalten aus der Zeitung oder dem Fernsehkanal.

Die achte Klasse hatte vor Kurzem Besuch von einer im Print-Bereich tätigen Journalistin. Wie mir erzählt wurde, beklagte sie, viele journalistische Angebote seien ins Internet abgewandert und dort sei nicht ausreichend Geld zu verdienen. Dies wollte ich aufgreifen und stellte die aktuellen Auflagenzahlen den Visits und Page Impressions der IVW gegenüber.  Das Schöne an den Zahlen und der Aufbereitung durch dwdl.de ist, dass die Entwicklung erkennbar ist, ohne dass ich die Messung der Ergebnisse detailliert erklären musste.

Die Auflagen der überregionalen Tageszeitungen sinken, selbst bei der Bild. Dagegen tummeln sich im Online-Bereich auf dem begrenzten Werbemarkt nun nicht nur Online-Ableger von Zeitungen, sondern auch Wochenmagazine und Fernsehsender, wie n-tv. Diese werden für die Zeitungsangebote zur Konkurrenz. Das an sich bedeutet für die einzelnen Seiten weniger Werbeeinnahmen, doch im Internet wollen auch Webseiten etwas vom Werbekuchen haben, die keine journalistischen Inhalte anbieten.

Sollen Journalisten also verzweifeln?

Diese Frage verband ich mit der Frage danach, wie Journalismus im Netz finanziert werden kann, wenn der Werbemarkt nicht ausreicht. Ich erklärte, wann die Paywall des Darmstädter Echos greift und wies auf die freiwillige Paywall der taz hin. Auf die Frage, wer von den Schülern bereit wäre für Journalismus zu bezahlen, hörte ich: Journalismus werde nicht aussterben, denn die Journalisten würden ihre Arbeit irgendwann bestimmt ehrenamtlich machen.

Sicher, antwortete ich, kämpfen Journalisten, denen etwas an ihrem Beruf liegt, für den Journalismus. Aber irgendwie müssen Wohnung, Essen, Kleidung und Fernsehen bezahlt werden. Ein anderer Schüler meinte dann: Für was brauchen wir eigentlich Journalisten? Die Pressestellen von Unternehmen bieten im Netz doch auch die Informationen an. Die könnten sogar dann Geld dafür verlangen.

Interessanter Gedanke, doch er hat einen Haken. Ich fragte: Würdest du bei einer Ölkatastrophe der Ölfirma Geld geben, wenn sie mitteilt, dass sei alles gar nicht so schlimm und man könne problemlos baden gehen? Doch wenn du am Strand ankommst,  stellt sich heraus, dass das Wasser mit Öl verseucht ist. – Nein, lautete die Antwort. Eine andere Idee war: Wenn man für Journalismus bezahlen muss, frage ich einfach jemanden, der das gelesen hat. Dann muss ich nichts mehr dafür zahlen. Diese Idee wurde aber direkt in der Klasse als problematisch kritisiert, denn dadurch bekäme man nie wirklich die richtigen Informationen. Irgendein Gerücht werde dann als Nachricht weiterverbreitet.

Gefahr kennen, Chancen nutzen

Dann signalisierte der Gong, dass die Stunde vorbei ist. Ich hatte bereits bei der Halbzeit unterschätzt, wie lange 45 Minuten sind. Doch für meine abschließende Botschaft blieb die Klasse dennoch einen Moment länger. Es ging schließlich um einen Rat, ob es sich lohnt Journalist zu werden. Ich habe mir sagen lassen, dass die Print-Kollegin den Schülern davon sehr deutlich abgeraten hatte. Hier ist meine Meinung:

Journalist ist kein geschützter Beruf. Deswegen ist es für freie Journalisten sehr schwierig an Arbeit zu kommen. Gerade im Lokaljournalismus, wo Schüler, Studenten, pensionierte Studienräte und Professoren den freien Journalisten zusätzlich noch Aufträge wegnehmen, wird dies zum Problem. Und jeder, der heute in den Bereich Journalismus drängt, muss damit rechnen als freier Journalist zu enden.

ABER: Wem es gelungen ist:

  • sich ein eigenes Profil aufzubauen,
  • sich auf etwas Bestimmtes zu spezialisieren,
  • sich einen Namen zu machen und
  • Kompetenzen erworben hat, die auf dem Markt gebraucht werden

– der hat eine Chance. Das bekam ich zumindest während meiner Praktika und in Gesprächen mit Leuten aus der Medienbranche vermittelt.

Soweit mein Versuch etwas Licht in das Thema zu bringen. Einige Schüler hörten interessiert zu, andere suchten sich eine Nebentätigkeit während des Vortrages. Aber ich bin noch nah genug an der Schülerrolle dran, um das als Normalzustand in einer achten Klasse zu verstehen.

Nach einer kurzen Pause ging es dann in einem Gespräch mit Oberstufenschülern um meinen persönlichen Weg in den Online-Journalismus und das Thema: Welchen Weg sollte man wählen, wenn man sagt: Ich brenne darauf Journalist zu werden. Demnächst vielleicht mehr dazu in einem eigenen Blogpost. Momentan nur so viel: Den einen Weg in den Journalismus gibt es nicht. Es wäre allerdings zu wünschen, dass die Medienhäuser das auch langsam begreifen und nicht nur auf Altbekanntes setzen. Mit Altbekanntem lassen sich alleine keine notwendigen Innovationen umsetzen.


Präsentation: Martin Krauß, Social-Media Prisma:  ethority.de, CC-BY-SA

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