Warum wir Geschichten brauchen, um Mensch zu sein

Wir Menschen sind das Storytelling Animal. Wir brauchen Geschichten, um Mensch sein zu können. Klingt merkwürdig? Es gibt eine Erklärung.

Wie viele Geschichten haben Sie in diesem Jahr schon gehört? Gab es Geschichten, Erzählungen, Filme, die Sie beeinflusst haben? Haben Sie ein Buch gelesen, dass Sie verändert hat? Wir Menschen brauchen Geschichten in unserem Leben. Sie entführen uns ins Nimmerland, ein Land für die Flucht aus dem Alltag. Warum das so ist, darüber hat der amerikanische Literaturwissenschaftler Jonathan Gottschall ein Buch geschrieben.

„Als Literaturwissenschaftler habe ich schon eine ganze Weile über dieses Thema nachgedacht“, erzählte mir Jonathan A. Gottschall anlässlich der Frankfurter Buchmesse im heute.de-Interview(1). Vor ein paar Jahren habe es dann ein Ereignis gegeben, dass ihn wirklich auf das Thema gebracht habe.

„An einem wunderschönen Herbsttag war ich mit dem Auto unterwegs und hatte das Radio an, als ein Country-Song lief – „Stealing Cinderella“ von Chuck Wick“, erinnert er sich. In dem Song gehe es um ein kleines Mädchen, das erwachsen geworden sei und dessen Freund nun bei ihrem Vater um ihre Hand anhalte:

„Ehe ich mich versah, konnte ich vor lauter Tränen nichts mehr sehen. Ich fuhr von der Straße ab und betrauerte den Tag, an dem meine eigenen kleinen Töchter das Nest verlassen werden – auch wenn es noch über ein Jahrzehnt bis dahin dauern wird“, sagt der Literaturwissenschaftler im Interview.

Nach diesem Erlebnis begann Gottschall zu recherchieren und an seinem Buch „The Storytelling Animal – How Stories make us Humans“ zu arbeiten. Er nähert sich der Frage „Wie Geschichten uns menschlich machen“ von unterschiedlichen Seiten.

„Fiktion formt unseren Geist“

Uns begegnen im Alltag ganz unterschiedliche Arten von Geschichten. Sei es die Erzählung eines Freundes in der U-Bahn, die Nachrichten im Radio auf der Arbeit oder der Kinofilm am Abend – sie alle haben einen Einfluss auf unser Leben. Dazu habe es zeitgleich mit dem Aufkommen des Fernsehens erste ernstzunehmende Forschungen von Psychologen gegeben. Sie wollten herausfinden, welchen Einfluss Geschichten auf den menschlichen Geist und auf die menschliche Seele haben. Gottschall schreibt in seinem Buch:

„Research results have been consistent and robust: fiction does mold our minds. Story – wether deliveres through films, books, or video games – teaches us facts about the world; influences our moral logic; and marks us with fears, hopes, and anxieties that alter our behavior, perhaps even our personalities.“

(Jonathan Gottschall, The Storytelling Animal, page 148)

Die Forscher hätten herausgefunden, dass Fiktion unseren Geist forme. „Geschichten und Erzählungen – seien sie in Filmen, Büchern oder Videospielen erzählt – lehren uns Fakten über die Welt; beeinflussen unsere moralische Logik und zeichnen uns mit Ängsten, Hoffnungen und Beklemmungen, die unser Verhalten verändern, vielleicht auch unsere Persönlichkeiten“, fasst der Literaturwissenschaftler die Studien zusammen.

„Wenn der Held tötet, macht er das rechtmäßig.“

Gottschall beschreibt die Forschungsergebnisse nicht in komplexer wissenschaftlicher Sprache, sondern in einer für die Leser verständlichen Form. In Beispielen zu einzelnen Aspekten lädt er die Leser dazu ein sich selbst zu testen. In kleinen Ausschnitten aus der Literatur oder selbst getexteten Beispielen macht der Autor die Wirkung von Geschichten und Fiktion für uns plastisch erfassbar.

Auch auf strittige Themen geht Gottschall ein. Actionfilme, brutale Historienfilme oder der Ego-Shooter auf dem PC. Gewaltdarstellungen in den Medien stehen regelmäßig in der Kritik, doch der Literaturwissenschaftler hält fest:

„Fiction almost never gives us morally neutral presentation of violence. When the villain kills, his or her violence is condemned. When the hero kills, he or she does so righteously. Fiction drives home the message that violence is acceptable only under clearly defined circumstances – to protect the good and the weak from the bad and the strong.“

(Jonathan Gottschall, The Storytelling Animal, page 132)

Gottschall betont, Fiktion präsentiere uns fast nie eine moralisch neutrale Sicht der Gewalt. Vielmehr werde verurteilt, wenn der Bösewicht töte. Wenn aber der Helt töte, mache er oder sie das rechtmäßig. Gottschall erklärt: „Fiktion betont, dass Gewalt nur unter klar definierten Umständen akzeptiert werden kann. Sie ist hinnehmbar, um die Guten und Schwachen von den Bösen und Starken zu beschützen.“

Lesestoff aus dem die Träume sind | Foto: Martin Krauß

Bücher – Der Lesestoff, aus dem die Träume sind. | Foto: Martin Krauß

Die Form ändert sich, die Struktur bleibt gleich

Im Laufe der Zeit hat sich die Form geändert, in der Geschichten zu den Menschen gelangten. Saßen vor Jahren die Menschen an Lagerfeuern zusammen, lasen später in Büchern und hörten noch später Erzählungen im Radio. So sind heute das Fernsehen, Computerspiele und virtuellen Räume im Internet die akzeptierten Formen für das Geschichtenerzählen.

Gottschall betonte im heute.de-Interview (1), in Zukunft würden sich Geschichten in unterschiedlichen Formen entwickeln. Er verwies auf eine Stelle in seinem Buch, in der er „zum Beispiel über die aufstrebende Form des Geschichtenerzählens in Videospielen“ spreche. Doch in tausend Jahren werde die Grundstruktur der Geschichten noch genauso sein, wie sie es heute sei. „Die strukturellen Fundamente der Geschichten werden sich solange nicht ändern, bis es die menschliche Natur macht“, sagt Gottschall.

Ein Sachbuch in englischer Sprache

„The Storytelling Animal“ von dem Literaturwissenschaftler Jonathan Gottschall ist ein englischsprachiges Buch, das von einer anderen Ebene auf die Literatur und Geschichten unseres Lebens blickt.

Es ist kein Roman, sondern ein Sachbuch und fordert daher auch einen Anspruch und ein gewisses wissenschaftliches Grundwissen der Leser. Zugleich schreibt Gottschall, der auch Englisch am Washington und Jefferson College lehrt, anschaulich und auch für nicht Muttersprachler verständlich. Aus diesem Grund ist das Buch mein Literaturtipp am vierten Advent.

Das Buch:

JONATHAN GOTTSCHALL: THE STORYTELLING ANIMAL –
HOW STORIES MAKE US HUMAN
Houghton Mifflin Harcourt Publishing Company, ISBN: 978-0-547-39140-3


 (1) Das Interview wurde vom ZDF leider inzwischen depubliziert. Die URL war: http://www.heute.de/ZDF/zdfportal/web/heute-Nachrichten/4672/24379210/4a87a5/Geschichten-Fantasie-Futter-f%C3%BCrs-Hirn.html

(aktualisiert am 17.07.2013, 13.50 Uhr)

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