Ausgerissen: Arsen im Boden, aber keine kritische Berichterstattung + Aktualisierung

Ein Neubaugebiet in Messel soll an junge Familien vermarktet werden. Bodenproben ergeben: Das Gebiet ist mit Arsen belastet, doch das Darmstädter Echo, die Regionalzeitung vor Ort, kümmert das nicht.

Saubere Recherche, kritische Betrachtung der erhaltenen Informationen, alle Parteien zu Wort kommen lassen, informieren und nicht nur berichten – das sind die wesentlichen Leitlinien, die im Journalismus gelten sollten. Als Online-Journalismus-Student frage ich mich manchmal, ob das auch in allen Redaktionen angekommen ist. In der losen Reihe „Ausgerissen“ geht es daher um journalistische Beiträge, bei denen ich mich nicht sauber oder nicht ausreichend informiert fühle. In dieser Woche war das bei einem Bericht des Darmstädter Echos der Fall.

Zugegeben, der Artikel „Ein Maisfeld wird Wohngebiet“ interessiert mich auch privat. Es geht um ein Neubaugebiet, dass in meinem Heimatort Messel entstehen soll. In dem Bericht vom 26. Februar steht:

„Weil bei Bodenproben eine Arsenbelastung des Geländes bis zu Zentimetern Tiefe festgestellt wurde, bringt die HSE demnächst große Mengen neuer Erde auf. „Das gesamte Baugebiet wird um 60 Zentimeter Boden angehoben“, verspricht Norbert Joisten, der HSE-Projektleiter.

(Quelle: Darmstädter Echo, 26.02.2013, S.19 / echo-online.de)“

Als Leser und Journalist stellen sich mir hier folgende Fragen:

  • Woher stammt die Belastung?
  • Ist das ein natürliches Arsenvorkommen auf dem Gelände des künftigen Messeler Baugebiets „Auf dem Wentzenrod“?
  • In dem Absatz heißt es „eine Arsenbelastung des Geländes bis zu Zentimetern Tiefe festgestellt“, was heißt das konkret?
  • In welcher Tiefe ist die Erde mit Arsen belastet?
  • Wie hoch ist die Belastung und was bedeutet das für die künftigen Häuslebauer auf dem Gelände?
  • Jetzt werden da „60 Zentimeter“ Erde aufgeschüttet, ist damit das Problem behoben? Ist das das übliche Vorgehen bei einem solchen Fund?
  • Können die künftigen Bewohner des Baugebiets überhaupt Obst- und Gemüse problemlos anpflanzen? Gerade Obstbäume dürften mit ihren Wurzeln tiefer unterwegs sein, als die 60 Zentimeter an aufgeschüttetem Boden.

All diese Fragen werden in dem Beitrag „Ein Maisfeld wird Wohngebiet“ vom Darmstädter Echo nicht beantwortet.

Nach einer kurzen Internetrecherche bin ich auf das kommunale Immobilienportal für die Gemeinde Messel gestoßen. Dort finden sich nicht nur die Pläne für das neue Wohngebiet, das besonders junge Familien anlocken soll, sondern auch unter Dokumente eine

und eine

In der ergänzenden umwelttechnischen Untersuchung, oder wie der eigentliche Titel des Dokumentes lautet „Ergänzende Baugrunderkundung
und geotechnische Beratung„, steht auf Seite 10:

„Der Boden der Mischprobe MP2 entspricht aufgrund dem Anteil von Arsen im Feststoff dem Zuordnungswert > Z2 gemäß o. g. Merkblatt. Entsprechend ist der Boden als gefährlicher Abfall einzustufen und eine Verwertung in der Regel nur zu deponiebautechnischen Zwecken möglich. Hierbei kommt für den gefährlichen Abfall die Deponieklasse DK I in Frage.“

(Quelle: kip-hessen.de,hsetechnik.de, S. 10)

Bei einer weiteren Probe steht in dem Bericht:

„Boden mit dem Zuordnungswert Z2 kann vorbehaltlich seiner geotechnischen Eignung im eingeschränkten Einbau mit definierten technischen Sicherungsmaßnahmen verwertet werden. Eine Verwertung ist demnach z. B. im Straßen·, und Verkehrswegebau als Tragschicht unter wasserundurchlässiger Deckschicht möglich. Ebenfalls ist eine Verwertung im Zuge von Erdbaumaßnahmen z. B. als Lärm· und Sichtschutzwall oder Straßendamm (Unterbau) möglich. Bei einer Verwertung in Wasser- und Heilquellenschutzgebieten ist der Einbau dieser Einbauklasse nur in wasserundurchlässiger Bauweise des Straßenbaus möglich. “

(Quelle: kip-hessen.de,hsetechnik.de, S. 10)

Ich bin kein Wissenschaftler, ich bin auch kein Wissenschaftsjournalist und in diesem Fall auch nicht der verantwortliche Redakteur, der den Beitrag im Darmstädter Echo geschrieben hat. Angesichts dieser Passagen in den Prüfberichten stelle ich mir als Leser jedoch erst recht die oben formulierten Fragen.

Eine davon wird im Prüfbericht jedoch bereits beantwortet:

„Die Einstufungen der Mischproben basieren auf dem Anteil an Arsen im Feststoff. Das Arsen ist geogene, natürlichen Ursprungs. Entsprechend ist bei Böden gleicher Hintergrundbelastung eine wirtschaftlichere Verwertung möglich.“

(Quelle: kip-hessen.de,hsetechnik.de, S. 10)

Es handelt sich bei dem Arsenvorkommen also um eine natürlich vorkommende Menge im Erdboden.

Dennoch: Bei einem solchen Informationsstand erwarte ich, dass die regionale Tageszeitung über die Funde berichtet, diese erklärt und informiert, was das für die Leser bedeutet. Bis heute (01.03.2013) ist ein solcher Artikel nicht erschienen. Vielleicht liest das hier ja ein Redakteur der verantwortlichen Redaktion. Ich würde mich freuen, wenn ich bald im Darmstädter Echo einen aufklärenden Beitrag dazu lesen würde.


Update 01.03.2013, 19.05 Uhr:

Auf meinen Tweet zu diesem Beitrag bekam ich eine Antwort von @Echo_online:


Update 23.03.2013, 09.20 Uhr:

Darmstädter Echo informiert rund einen Monat später

Meine Kritik an dem Echo-Artikel vom 26. Februar scheint doch den Weg in die zuständige Echo-Redaktion gefunden zu haben. Heute erschien als Aufmacher des Echo-Teils „Darmstadt-Dieburg“ der Artikel „Wohnen auf dem ´Rotliegenden´ / Umwelt – Natürliches Vorkommen von Arsen im Messeler Baugebiet macht für Bauherren Auflagen notwendig“, oder wie er auf Echo-Online heißt: „Arsen im Baugebiet „Am Wentzenrod“ bringt neue Auflagen“.

Darin, wie auch in einem begleitenden Kommentar, informiert der Redaktionsleiter der Landkreisredaktion des Darmstädter Echos, Reiner Trabold, ausführlich über das Arsen-Vorkommen im Messeler Baugebiet „Am Wentzenrod“, sowie der Gebiete drum herum. Denn:

„Nicht nur das Neubaugebiet, sondern ganz Messel, Offenthal, Urberach und andere Gemeinden haben einen ähnlich belasteten Untergrund. […] Wer in Messel baut und sein Grundstück zur Sicherheit mit 60 Zentimetern unbelastetem Boden auffüllt, darf sich allerdings sicher sein, dass die anderen Messeler diese Schutzschicht nie hatten.“

(Quelle: „Kommentar: Verursacher Natur„, Reiner Trabold, Darmstädter Echo, 23. März 2013)

Nun aber ein Blick auf die von mir oben gestellten Fragen:  Der Artikel zitiert den Messeler Bürgermeister, Andreas Larem (SPD), der versichert, dass alle Bauinteressenten im Neubaugebiet „frühzeitig über die Arsenbelastung aufgeklärt worden“ sind. Sie stehe in jedem Bauvertrag.

Das Darmstädter Echo bezieht sich zudem auf einen Chemiker des Chemisch-Analytischen Labors in Darmstadt. Dieser habe die toxische Wirkung von Arsen bestätigt, „sieht aber keine gesundheitlichen Risiken, wenn die Auflagen erfüllt werden. Das Arsen werde von Pflanzen nicht aufgenommen und wäre längst versickert, wenn es in Wasser löslich wäre.“

Im Artikel heißt es weiter:

„Deshalb hat das Regierungspräsidium zur Auflage gemacht, Erdreich, das beim Ausheben des Kellers freigelegt wird, zu entsorgen, in keinem Fall mit den geringer belasteten oberen Schichten zu vermischen und die Grundstücke rund ums Haus mit unbelastetem Boden aufzufüllen.“

(Quelle:  „Arsen im Baugebiet „Am Wentzenrod“ bringt neue Auflagen“, Reiner Trabold, Darmstädter Echo, 23. März 2013)

Dies bedeutet jedoch für die Bauherren – das Neubaugebiet soll besonders junge Familien anlocken – einen nicht zu unterschätzenden Anteil an Mehrkosten. Für alle interessierten Häuslebauer sei deshalb der vollständige Artikel als Lektüre empfohlen:

Artikelhinweis:

Arsen im Baugebiet „Am Wentzenrod“ bringt neue Auflagen“

Reiner Trabold, Darmstädter Echo, 23. März 2013

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