Ausgerissen: Ein Aufmacher, eine vier Wochen alte Stellungnahme und keine Kennzeichnung

Saubere Recherche, kritische Betrachtung der erhaltenen Informationen, alle Parteien zu Wort kommen lassen, informieren und nicht nur berichten – das sind die wesentlichen Leitlinien, die im Journalismus gelten sollten. Auch Quellentransparenz gehört zu den journalistischen Tugenden. Das Darmstädter Echo lieferte heute ein Beispiel, wie es nicht gemacht werden sollte.

In Südhessen ist der Verkehr derzeit mal wieder eine heiße Kiste. Nachdem die Stadt Darmstadt ihre Nordostumgehung vor einigen Jahren gestrichen hat, soll nun über eine Umgehung der Stadt auf dem Gebiet des Landkreises Darmstadt-Dieburg nachgedacht werden. Eine Machbarkeitsstudie, die vom Land Hessen bezahlt wird, ist ebenfalls Thema. Unter anderem wird überlegt die B-38 nach Messel zu verlängern. Quer durch das Messeler Hügelland und durch den Ortsteil Grube Messel, am UNESCO Weltnaturerbe vorbei. Eine Strecke, die durch den Bahnübergang bereits heute regelmäßig mit Rückstaus zu kämpfen hat.

„No Way“, sagte dazu der Messeler Bürgermeister Andreas Larem und das Darmstädter Echo titelte heute, am 17.04.2013:

„B-38-Verlängerung für Larem ‚No Way‘ / VERKEHR Messeler Bürgermeister kritisiert Machbarkeitsstudie für Alternative zur Darmstädter Nordostumgehung“

Die Geschichte ist ein relevantes Thema und aus meiner Sicht ist eine Berichterstattung als Aufmacher mit Kommentar im Landkreisteil „Darmstadt-Dieburg“ absolut gerechtfertigt. Das Thema hat es auch als lokaler Aufmacher auf die obere Hälfte der Titelseite des Darmstädter Echos geschafft.

Hier der Vorspann des ausführlichen Berichts auf Seite 17:

Vorspann zu dem Artikel "B-38-Verlängerung für Larem 'No Way'" aus dem Darmstädter Echo

Vorspann zu dem Artikel „B-38-Verlängerung für Larem ‚No Way'“ aus dem Darmstädter Echo, 69. Jahrgang, Nummer, 89 vom 17.04.2013

Der Bericht zitiert in Folge immer wieder Messels Bürgermeister Andreas Larem (SPD) und dessen Sicht auf die Thematik. Der Stellungnahme, aus der der Autor zitiert, werden gut zwei Drittel des Berichts gewidmet.

An einer Stelle des Beitrags heißt es dann:

„Der Bürgermeister kündigte an, „in den nächsten Tagen und Wochen“ mit Rentsch, dem Darmstädter Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne), im Landkreis tätigen Speditionen sowie Hessen Mobil Gespräche führen und die Öffentlichkeit zeitnah informieren zu wollen. Wie er dem ECHO auf Anfrage bestätigte, seien erste Gespräche im April bereits verabredet.“

(Quelle: Darmstädter Echo; Ausgabe 89; 69. Jahrgang; Mittwoch, 17.April; Seite 17)

Problem dabei: Der Bericht erwähnt nicht, dass die Stellungnahme eigentlich schon rund vier Wochen alt ist. Larem schrieb bereits am 21. März 2013

„No Way!“

und zwar im „Nachrichtenblatt der Gemeinde Messel / Amtliches Bekanntmachungsorgan der Gemeinde Messel; 50. Jahrgang, Nr. 12“. Dies belegen sowohl die Auskunft der Druckerei als auch die mir inzwischen vorliegende Ausgabe des Nachrichtenblattes selbst.

Hier ein Ausschnitt aus der Mitteilung des Messeler Bürgermeisters Andreas Larem:

Auszug aus der Mitteilung von Bürgermeister Andreas Larem (SPD)

Auszug aus der Mitteilung von Bürgermeister Andreas Larem (SPD) Quelle: Nachrichtenblatt der Gemeinde Messel vom 21. März 2013

Unter diesen Gesichtspunkten bekommt das Zitat:

„Der Bürgermeister kündigte an, „in den nächsten Tagen und Wochen“ […] Gespräche führen und die Öffentlichkeit zeitnah informieren zu wollen.“

(Quelle: Darmstädter Echo; Ausgabe 89; 69. Jahrgang; Mittwoch, 17.April; Seite 17)

eine völlig neue Dimension.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Ich finde es richtig, dass das Thema als Aufmacher und Kommentar umgesetzt wurde. Ich finde es richtig, dass aus der Mitteilung des Bürgermeisters zitiert wird. Und ja, eine Berichterstattung wäre auch nicht problematisch, wenn ein Medium das Thema intensiver recherchiert erst vier Wochen später aufgreift. Doch dann sollte der Autor und auch das Medium den Lesern gegenüber so transparent  sein und deutlich sagen, dass die Stellungnahme Larems vom 21. März 2013 stammt.

Wenn ein Journalist oder sein Medium das nicht will oder aus irgendeinem Grund kann, sollte er eben dann über das Thema berichten, wenn es auch tatsächlich passiert ist. In diesem Falle Ende März.

Online wird es noch kurioser

Noch ein Wort zur Umsetzung des Beitrags auf der Website des Darmstädter Echos. Dort fehlt der Vorspann, den ich Ihnen oben als Ausschnitt gezeigt habe. Die darin festgehaltene Information über die Quelle der Stellungnahme ebenfalls. So beginnt der Artikel dort mit:

„Die von den Landräten Klaus Peter Schellhass (SPD) und Dietrich Kübler (Odenwald, ÜWG) initiierte Machbarkeitsstudie zur Prüfung einer Alternative zur östlichen Umfahrung von Darmstadt bilde für ihn weder eine „rechtliche Grundlage, noch gibt sie Auskunft über die Sinn- und Zweckmäßigkeit einer Umsetzung“, schreibt der Verwaltungschef weiter.“

(Quelle: „Larem stellt sich gegen B-38-Verlängerung“, Echo-Online.de, abgerufen am 17.04.2013, 20:11 Uhr)
Messel, eine Gemeinde in Südhessen

Südeinfahrt nach Messel | Artikelbild: Martin Krauß

Schreibt hier wer bitte weiter? Gut, über die Überschrift könnte der Leser auf Larem kommen. Aber schreiben? Im Teaser heißt es doch:

„Mit ihm werde es keine Verlängerung oder Anbindung der Bundesstraße 38 bei Roßdorf über den Ortsteil Grube und Messel geben, stellt Bürgermeister Andreas Larem (SPD)in einem Gespräch mit dem ECHO klar.“

(Quelle: Echo-Online.de, abgerufen am 17.04.2013, 20:10 Uhr)

Der Teaser ist jedoch nur auf der regionalen Übersicht oder in der Druckansicht des Beitrags zu lesen. Online also bekommen die Leser weder das Datum der Mitteilung genannt, noch die Quelle („Nachrichtenblatt“) und im Teaser sogar noch suggeriert, dass die Zitate aus einem Gespräch mit dem Echo stammten. Ich bitte um mehr Transparenz in der einzigen regionalen Tageszeitung für Messel.

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