Ein plötzlicher Todesfall mit hastigem Ende

Sozialkritik, die steckte bereits in J.K. Rowlings ersten Roman Harry Potter und der Stein der Weisen: Ein Junge, dessen Eltern gestorben sind, wächst in einer kleinbürgerlichen Familie auf. Sein Bett steht in einer Kammer unter der Treppe, sein Cousin und dessen Eltern terrorisieren ihn. Er entspricht nicht ihren Vorstellungen. Nun: In Buch EINS nach der Harry-Potter-Ära nimmt sich Rowling gezielt dem Thema Sozialkritik an.

In Ein plötzlicher Todesfall führt die britische Autorin ihre Leser in das idyllische Pagford. Pagford ist einer der Orte, die landschaftlich nicht schöner gelegen sein könnten. Ein Ort, in dem jeder jeden kennt. Ein Ort, in welchem sich Neuigkeiten schnell ausbreiten. Ein Ort, in dem Barry Fairbrother, der „reglos in einer Pfütze aus Erbrochenem“ lag und sich plötzlich nicht mehr rührte, eine unerwartete Vakanz im Gemeinderat (Originaltitel: „The Casual Vacancy“) hinterlässt. Ein Ort, in dem ein Krieg um Fairbrothers Nachfolge ausbricht. Ein Ort, der eine Mittelschicht hat, die integriert und rücksichtslos, auf den eigenen Vorteil bedacht, die Sozialsiedlung loswerden will. Die Siedlung, die unglücklicherweise vor Jahren Teil der Gemeinde geworden war.

575 Seiten umfasst die deutschsprachige Erstausgabe, erschienen im Carlsen Verlag. Dabei ist Ein plötzlicher Todesfall kein Krimi, wie der deutsche Titel suggeriert. Vielmehr bietet Rowling eine sozialkritische Analyse und zugleich Tragödie ihren Lesern, in der die Protagonisten in einer Dreiecksbeziehung stehen, die zugleich den Charakter des Romans ausmacht.

Rowlings Dreiecksbeziehung

Ein ploetzlicher Todesfall von J.K. Rowling

Cover: Carlsen Verlag

Auf der einen Seite gibt es die alteingesessenen Pagforder, die darauf stolz sind, dass es ihnen sie seit Jahren immer wieder gelungen ist, ihren Ort vor der Eingemeindung durch die Nachbarstadt Yarvil zu retten. Allen voran Howard Mollison, der ein Feinkostgeschäft betreibt und den Gemeinderat leitet. Ihm ist deshalb auch die Sozialsiedlung Fields ein Dorn im Auge. Fields steht zwar auf dem Boden der Gemeinde, aber dessen Einwohner zählen sich eher zu Yarvil. Die Siedlung und die für deren Einwohner wichtige Drogenklinik müssen abgestoßen werden. Damit dies gelingt, soll Howards Sohn Miles den Sitz von Barry Fairbrother einnehmen und seinen Vater unterstützen.

Howards Gegenspieler war Barry Fairbrother. Rowling lässt ihn jedoch zu Beginn sterben, was Bewegung auf diese Seite der Erwachsenen in Pagford bringt. Wer kann Fairbrothers Nachfolge einnehmen? Ein Druckereiangestellter? Ein stellvertretender Schulleiter? Unterstützung auf dieser Seite bietet auch eine asiatische Ärztin, die bereits im Gemeinderat sitzt. Bei Rowling ist Wahlkampf und der ist spannender, als der Anstehende in Deutschland.

Neben diesen Erwachsenen gibt es jedoch vor allem die Jugendlichen, die eine Rolle spielen. Interessanterweise klammert Rowling dabei die pupertierenden Kinder der alteingesessenen Pagforder aus. Jugendliche dieser Schicht sind zwar vorhanden, spielen für Ein plötzlicher Todesfall jedoch keine Rolle. Die Gedanken-, Gefühls- und Entscheidungswelt der Tochter der indischen Ärztin, des Sohns des Druckereiangestellten und des Sohns des Schulleiters dagegen schon. Damit die Beziehungen nicht zu festgefahren sind, führt Rowling noch die Tochter einer Sozialarbeiterin aus London in das Beziehungsgeflecht ein.

Beziehungsgeflecht mit hastigem Ende

Das sind viele Protagonisten, die Heldin ist jedoch ein Mädchen aus der Sozialsiedlung. Krystal, so ihr Name, entwickelt sich im Laufe des Romans und diese Entwicklung ist der Kern von Ein plötzlicher Todesfall. Die Stärken von Rowlings ersten Romans für Erwachsene liegen in den vielen unterschiedlichen sozialen Beziehungen all der Haupt- und Nebenfiguren. Die Schilderungen bohren sich dabei gesellschaftskritisch in unser Alltagsbild und dürften auch den einen oder anderen Leser mit seinen snobistischen Ansichten entlarven. Um dies zu erreichen, greift Rowling auf eine ganze Reihe an Klischees zurück. Leser der Harry Potter Bücher dürften dies aber schon gewohnt sein, denn sie sind ein Stilmittel der Autorin.

Problematisch ist aber, dass Rowling ihren Stil nicht bis zum Ende durchhält. Nach dem Höhepunkt, der nur gut zwanzig Seiten vor dem Ende des Buches erreicht wird, bringt die Autorin die verschiedenen Handlungsstränge hastig zu Ende. Teilweise sind dabei die Entscheidungen und das Verhalten der Protagonisten nicht mehr nachvollziehbar. Rowling endet nicht mit einer heilen Welt, das ist positiv. Ihr Ende wirkt jedoch lieblos, als hätte die Autorin das Buch schnell zu Ende bringen wollen oder der Verlag hier des Umfangs wegen großzügig Passagen aus dem Manuskript herausgestrichen. Ein Plötzlicher Todesfall von J.K. Rowling eignet sich dennoch, um die Autorin neu zu entdecken. Für Kenner der Harry Potter-Bücher bietet die Lektüre des Romans zudem die Entzauberung aus dem Hogwarts-Universum. Eine überraschend angenehme Erfahrung.

Das Buch:

J.K. ROWLING: EIN PLÖTZLICHER TODESFALL
Carlsen Verlag , ISBN: 978-3-551-58888-3

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