Geliebte Nervensägen

Familie, das ist für jeden von uns etwas Besonderes. Familie bedeutet Geborgenheit. Familie kann aber auch ein Anlass zur Flucht sein. Was also ist Familie?

Familie – die kann man sich nicht aussuchen. Wir werden in sie hineingeboren. Die Verbindung zu unseren Eltern, Geschwistern und Großeltern ist etwas Besonderes. Ja, sie ist auch etwas, dass es sich zu schützen lohnt.

Damit will ich nun aber keine Absage an gleichgeschlechtliche Ehen und deren Adoptionswünsche erteilen. Auch das ist Familie und auch das gilt es anzuerkennen. Familienbande zu schützen, damit meine ich die Pflege der Beziehungen einzelner Familienmitglieder. Im Alltag leben wir alle schnell bloß vor uns hin. Familie ist da nichts Besonderes. Sie ist halt da.

Damit aus der Pflichtbeziehung zu unseren Familienmitgliedern mehr als Routine wird, müssen wir uns anstrengen. Familie ist in jeder Hinsicht wie eine Beziehung zwischen einem Liebespaar. Sie lebt von dem Geben und Nehmen. Sie lebt davon, dass man miteinander spricht. Sie ist etwas Wert, wenn man sich zuhören kann, und gibt uns viel, wenn wir uns in Not und Verzweiflung in ihr Netz fallen lassen können.

Was aber ist Familie wert, wenn man in ihr nicht mehr miteinander spricht? Was, wenn Streit, wenn Missgunst die Familienbande zu zerschneiden drohen? Dann sind die Familienbande belastend. Hätten wir eine Schere, die scharf genug ist, wir würden umgehend versuchen die Familienbande zu durchtrennen.

Es hilft, in diesen Situationen jemanden zum Reden zu haben. Es ist die Aufgabe der christlichen Gemeinschaft sich dem nicht zu verschließen, sondern vermittelnd zur Verfügung zu stehen. Dabei kann es auch das Gespräch mit Gott sein, in der offenen Kirche oder im Gottesdienst, welches uns die Kraft gibt, auf die Familienmitglieder zuzugehen. Es kann motivieren, den erste Schritt zugehen. Wir müssen nur begreifen, dass wir lieber die Familienbande pflegen sollten. Dann müssen wir nicht mehr mit den geliebten Nervensägen leben, sondern dann wollen wir es sogar ein Leben lang.


 Ursprünglich veröffentlicht in: Die Brücke – miteinander evangelisch in Messel; Ausgabe 74: März, April, Mai 2014; Thema: Familienbande

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