Für „Die Erbin“ kehrt Grisham zum Anfang zurück

Einst fing für den amerikanischen Anwalt und Thriller-Autor John Grisham alles mit einer Pleite an. Sein Roman „Die Jury“ verkaufte sich schlecht. Das änderte sich jedoch bald. Nun kehrt Grisham zu seinen Wurzeln zurück. Er erzählt in „Die Erbin“ vom Kampf der Schwarzen gegen die Weißen im Clanton, dem Handlungsort von „Die Jury“. Erneut geht es um Alles oder Nichts vor einer Jury.

Im Jahr 1989 veröffentlichte der Anwalt John Grisham bei einem kleinen unbekannten Verlag in den USA sein Erstlingswerk – „Die Jury“. Grisham erzählte von einem Anwalt, der Carl Lee Hailey vor Gericht verteidigen muss. Hailey hatte im Gerichtsgebäude von Clanton die beiden Männer erschossen, die seine zehnjährige Tochter brutal misshandelt und vergewaltigt hatten. Die Spannung von „Die Jury“ entsteht im Kampf Schwarze gegen Weiße. Staatsanwalt, Richter und Geschworene sind Weiße, Hailey ist ein Schwarzer. In der Anspannung der Südstaaten wird daraus ein Sensationsprozess.

Sensationell verkaufte sich „Die Jury“ anfangs jedoch nicht. „Das war natürlich frustrierend, es war ja mein erster Roman und ich hatte wie alle jungen Autoren große Träume und Erwartungen“, berichtet Grisham in einem Interview, dass die Verlagsgruppe Random House auf YouTube veröffentlicht hat. Der damalige Verlag habe 5.000 Exemplare gedruckt, habe diese Hardcover-Exemplare jedoch nicht an den Mann bringen können. Mit Grishams zweitem Buch „Die Firma“ wurde der Anwalt als Thrillerautor dann jedoch populär und schrieb seit damals über 27 Romane.

John Grishams „Die Erbin“ beerbt „Die Jury“

„Die häufigste Frage in den vergangenen zwanzig Jahren war, ob ich eine Fortsetzung von ‚Die Jury‘ schreiben werde. Ich habe immer geantwortet, dass ich das schlicht und einfach noch nicht weiß“, sagt Grisham. Dann hat er aber doch noch die Fortsetzung geschrieben. In „Die Erbin“ geht es erneut um den in den USA bis heute nicht gelösten Konflikt Schwarze gegen Weiße.

Als der schwer kranke Seth Hubbard seinem Leben selbst ein Ende setzt und sich an einem Baum aufhängt, ist die Bestürzung im beschaulichen Clanton groß. Seiner Familie geht es dagegen recht schnell um die Testamentseröffnung. Hubbard war schließlich ein reicher Mann. Doch er war auch ein Einzelgänger. Versorgt von einer Haushälterin, hatte er kaum Kontakt zu seiner Familie.

Schon bald lässt Grisham jedoch die Bombe platzen und gewährt seinen Lesern einen Vorsprung gegenüber den Protagonisten: Hubbard hat seine Kinder enterbt. Sein Vermögen von 24 Millionen Dollar soll zu 90 Prozent an seine Haushälterin gehen. Doch Lettie Lang wäre damit die reichste Schwarze in Ford County. Die Kinder fechten das Testament an und der Kampf vor Gericht und der Jury beginnt. Auf der Seite des Testaments steht dabei der Anwalt Jack Brigance, der Jahre zuvor bereits den Schwarzen Carl Lee Hailey vor Gericht erfolgreich vertreten hat.

Nostalgie und Brücken zu „Die Jury“

So sehr John Grishams „Die Erbin“ von den Erinnerungen an die alten Figuren aus „Die Jury“ lebt, so sehr sorgen eben diese Brücken in die Vergangenheit für die ein oder andere Länge in dem Roman: teilweise wirken Szenen überflüssig und nur dem Nostalgie-Gefühl geschuldet. Etwa wenn es um Jack Brigance Kampf gegen seine Versicherung geht, ist kein Zusammenhang zum aktuellen Fall erkennbar. Vielmehr fühlt sich Grisham gedrängt erneut davon zu erzählen, dass während des Hailey-Prozesses das Haus des Anwalts angezündet wurde.

Die Erbin von John Grisham

Die Erbin von John Grisham, Cover: Heyne Verlag

Dennoch ist es dann wiederum eben diese Nostalgie, die den Leser in den Bann zieht. Grisham hat über die Jahre eine bildhafte Erzählweise entwickelt, bei der durch die Charakterisierung der Personen und der Interaktion seiner Protagonisten eine Spannung entsteht, die den Roman trägt.

So sind es letztlich dann die Überraschungsmomente vor Gericht, die das Besondere des Romans ausmachen und „das Trauma der amerikanischen Südstaaten“, wie es Literaturkritiker Denis Scheck formulierte, lebendig wirken lassen. Der Schlüssel des Prozesses – und dies kann, ohne etwas vorwegzunehmen, gesagt werden – liegt in der Erzählung von Hubbards Bruder Ancil. Er kann allem einen Sinn geben, doch Ancil scheint spurlos verschwunden zu sein.

„Die Erbin“ ist ein Grisham-Thriller, der zwar nicht überrascht, dennoch aber auf einem hohen Niveau die Kunst des Autors unterstreicht. John Grisham gelingt es erneut trotz der trockenen Atmosphäre von Anwälten, Geschworenen und Gerichtssälen spannende Geschichten zu schreiben. Geschichten, die in Wunden der amerikanischen Gesellschaft bohren.

Das Buch:

John Grisham: DIE ERBIN
Heyne Verlag, ISBN: 978-3-453-41846-2

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