Rowling prangert in “Phantastische Tierwesen” Rassismus an

Sieben Romane, zwei Schulbücher, eine Märchensammlung, ein Theaterskript und dann auch noch ein Drehbuch: Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling bietet ihren Lesern Vielfalt – nicht nur in den Geschichten, sondern auch in den Darstellungsformen. “Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind” gibt es dabei gleich doppelt von Rowling. Ihr neuester Streich ist ein fettes Ausrufezeichen gegen Rassismus und für Tierschutz.

Bereits mit dem Theaterskriptbuch zu ¨Harry Potter und das verwunschene Kind¨ hat J. K. Rowling bewiesen, dass ihre Fans nahezu alles kaufen würden, was irgendwie mit dem Zauberlehrling Harry Potter zu tun hat. Laut Gfk-Entertainment war das Skript das meistverkaufte Buch in Deutschland im Jahr 2016. Die englische Ausgabe belegte zusätzlich Rang drei in den Jahrescharts. Der Erfolg von ¨Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind¨ an den Kinokassen war daher nicht wirklich verwunderlich.

Dass die Fans dennoch auch das als Buch veröffentlichte Drehbuch zu diesem Film kaufen würden, war schon eher ein Risiko – hatten doch Millionen von Kinobesuchern die Verfilmung bereits im Kino gesehen. Dennoch: Mit der Veröffentlichung des Drehbuches in deutscher Sprache durch den Carlsen Verlag, rund zwei Monate nach dem Kinostart, kletterte das Werk in den Belletristik-Charts des Portals der Buchbranche (boersenblatt.net) auf Platz 1.

Die Neugierde auf das Unbekannte

War dies nur der Neugierde darüber geschuldet, wie ein Drehbuch verfasst wird? Wohl kaum. Das Geheimnis muss in der Geschichte liegen. In “Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind” beziehungsweise “Fantastic Beasts and where to find them” greift Rowling gleich zwei Handlungsstränge aus der Harry-Potter-Reihe auf – wenn auch einer bisher nur angedeutet wurde.

Das wohl bedeutendste Fach für Harry Potter, Ron Weasley und Hermine Granger dürfte wohl “Magische Tierwesen” gewesen sein. Nicht weil sie hier besonders viel bei Hagrid gelernt hätten, was ihnen im Kampf gegen Lord Voldemort half. Doch der Austausch mit dem Hüter der Ländereien von Hogwarts, die Exkursionen in den verbotenen Wald und die Reibereien mit den Slytherins in den Unterrichtsstunden trieben die Handlung voran. Zugleich waren es die in den Schulstunden vorgestellten Tierwesen, die der magischen Welt von J.K. Rowling Tiefe verliehen.

Es ist also nur folgerichtig, dass die Harry-Potter-Autorin nun eben in diesen Aspekt der magischen Welt eintaucht. Dass sie sich dafür den Magie-Zoologen Newt Scamander und das von diesem verfasste Lehrbuch “Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind” entschieden hat, ist keine große Überraschung. Zur Alternative hätte zwar noch “Das Monsterbuch der Monster” bereitgestanden, doch dann wäre aus einer neuen Geschichte um die magische Welt des Harry Potter wohl eher ein Horror-Thriller geworden.

Rowling serviert: Charmanter Brite in neuer Umgebung

Newt Scamander wird von Rowling in ihrem Drehbuch als Reisender skizziert, dem das Wohl der Tiere am Herzen liegt. Sein Antrieb nach New York zu reisen, hängt eben damit zusammen. Dabei hat er seinen ganz eigenen Kopf und seine eigenen Methoden. Dreh- und Angelpunkt wird in der Geschichte sein Koffer. Darin bietet er zahlreichen sympathischen, skurrilen oder auch verstörenden magischen Kreaturen ein Zuhause – und studiert sie. Newts Interaktion mit den Tierwesen bezieht sich auf das Thema Tierschutz und ist in einer mitreißenden Geschichte verpackt.

Cover: Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind - Das Originaldrehbuch von Joanne K. Rowling

„Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind – Das Originaldrehbuch“ von Joanne K. Rowling. Cover: Carlsen Verlag, ISBN: 978-3-551-55694-3

Doch es sind nicht die auf der Leinwand lebendig werdenden magischen Tierwesen, um die es eigentlich geht. Sie sind Beiwerk, Mittel um die Handlung kindgerecht zu erzählen. Erneut hat sich Rowling den Themen Unterdrückung, Rassismus und Politik zugewandt. Und darf man der Ankündigung der Filmemacher trauen, die die Rückkehr des jungen Albus Dumbledore bekannt gaben, wird es auch in dieser Reihe zu einem epischen Kampf kommen: Hass gegen Liebe.

Harry Potter versus Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

In den Harry-Potter-Romanen waren es Lord Voldemorts Anhänger, die Hexen und Zauberer als „Schlammblüter“ verachteten, wenn ein Elternteil von diesen Magier war und eines Muggle. Noch weniger galten den Todessern die muggelstämmigen Magier. Mit der Machtergreifung Lord Voldemorts sollte eine Säuberung der magischen Bevölkerung erfolgen, die am Ende nur noch “Reinblütern” erlauben sollte, zum Magier ausgebildet zu werden. Dass es eine Entsprechung dieses Konzepts in der realen Welt gab, darüber brauchen wir wohl an dieser Stelle nicht diskutieren. Harry, Ron, Hermine und der Orden des Phönix kämpfen wegen dessen Pläne gegen Lord Voldemort und seine Anhänger.

Im ersten Teil der Filmreihe “Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind”, und damit auch in diesem Drehbuch,  droht es einen Kampf zwischen Hexen und Zauberern auf der einen Seite und No-Majs (Nicht-Magiern, amerikanische Bezeichnung für Muggle) auf der anderen Seite zu geben. Rassismus spielt hier eine bedeutende Rolle. Die Handlung ist in New York um das Jahr 1926 angesiedelt. Erneut prangert Rowling Machtpolitik an, die auf Abgrenzung statt Nächstenliebe aus ist.

Es ist dieser Handlungsstrang, durch den auch der neue Schurke eingeführt wird (Achtung, Spoiler! Wenn Sie den Film oder das Buch noch nicht gelesen haben, überspringen Sie bitte diesen Absatz.). Wer “Harry Potter und die Heiligtümer des Todes” gelesen hat, weiß, um wen es geht: Gellert Grindelwald. Im letzten Harry-Potter-Roman ist auch beschrieben, welche Pläne Grindelwald hatte. Mehr darüber dürften wir von J. K. Rowling in der Fortsetzung der Kinoreihe erfahren. Vier weitere Teile sind ja noch angekündigt.

Leseerfahrung des Drehbuchs

Bereits beim Theaterskript zu “Harry Potter und das verwunschene Kind” hatten Leser bemängelt, dass es der Geschichte an der Detailtiefe der Romane mangele. Woran es hier wirklich mangelt? Diese Leser verstehen das Format Drehbuch / Theaterskriptbuch nicht. Ein Theaterstück – und auch ein Kinofilm – ist dialogorientiert. Szenen entstehen aus der Interaktion der Personen – sei es verbal oder non-verbal. Die Beschreibung der Location ist davon getrennt. Natürlich ist das eine andere Leseerfahrung als ein Roman. Goethes “Die Leiden des jungen Werthers” unterscheidet sich in der Form ja auch grundlegend von “Faust I”.

Doch wie beim Theaterskript stellt sich auch beim Lesen des Drehbuchs von “Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind” schnell ein Gewöhnungseffekt ein. Nimmt man anfangs noch eher irritiert die Trennung von Szenenbeschreibung und Dialog-Text wahr, taucht man dann doch recht bald in die Geschichte ein. Die Fantasie der Leser wird eben nur in einer anderen Reihenfolge an angesprochen: erst das Szenenbild, dann der Dialog. Die Fantasie muss beides dann nur noch zusammenfügen. Sieht man das Theaterstück oder den Film an, ist dagegen beides zeitgleich da.

Muss ich das Drehbuch wirklich im Schrank stehen haben?

Bleibt abschließend noch immer die Frage: Brauche ich das Drehbuch in Buchform wirklich im Bücherregal? Wer den Film im Kino gesehen hat, auf Blu-ray oder DVD besitzt und kein Sammler ist, muss das Buch auch nicht zwingend haben. Das Gesamtkunstwerk reicht aus. Dafür war die Umsetzung des Drehbuchs auf der Leinwand einfach zu beeindruckend.

Liebhaber der ersten Stunde und Harry-Potter-Fans werden sich aber dennoch auch die Drehbücher ins Regal stellen. Das gehört einfach dazu: Die Welt von J.K. Rowling griffbereit zu haben und eintauchen zu können, ist dann einfach eine Frage der Leidenschaft. Und für diese Gruppe gibt es von mir auch eine klare Leseempfehlung.

Das Buch:

Joanne K. Rowling: Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind – Das Originaldrehbuch
Deutsche Ausgabe: Carlsen Verlag, ISBN: 978-3-551-55694-3
Englische Ausgabe: Little, Brown, ISBN: 978-1-408-70898-9

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