Ein Peer zwischen Tretminen und einer grasenden Bundes-Mutti

Langweilig wird der Wahlkampf für die Bundestagswahl vermutlich nicht. Dennoch: Die SPD hat aus der Kür zum Kanzlerkandidaten ein großes Theater gemacht. Und „spaßig“ und Peer Steinbrück passt irgendwie nicht.

„Es soll kein langweiliger Wahlkampf sein. Es darf auch Humor und ein bisschen Witz dabei entstehen“, erklärte Peer Steinbrück am Montag seine Vorstellung für den Wahlkampf 2013. Um die Fakten noch einmal ins Gedächtnis zu rufen: Erst hatte die SPD eine Troika mit den Stones und dem Wahlprogramm – also mit dem Dicken. Dann wollte der Steinmeier nicht und Gabriel hat wohl erkannt, dass er keine Chance hätte.

Ende letzter Woche zauberte Gabriel dann den verbliebenen Stone aus dem Hut, obwohl er ja eigentlich am Sonntag zuvor im ZDF betont hatte, dass die Entscheidung noch längst nicht gefallen sei. – Politiker-Logik eben. Vielleicht gab es ja aber auch zwei Absagen in der vergangenen Woche – schließlich deutete Peer Steinbrück in „Was nun, Herr Steinbrück?“ im ZDF an, dass die Mutti von NRW, Frau Kraft, ihre Entscheidung getroffen hätte. – Und dass Sie aber die Option zur Kandidatur gehabt hätte. In 140 Zeichen habe ich das am Montag so getwittert:

Tweet von @martin_krauss

Kraft wollte nicht Kanzlerin werden. #zdf #wasnun #Steinbrück – das hat Steinbrück indirekt gesagt.

Also nun der Ex-Bundesfinanzminister gegen die Bundes-Mutti und das ganz offiziell:

„Der frühere Bundesfinanzminister wurde am Montag einstimmig vom Parteivorstand in Berlin nominiert, wie der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel im Anschluss an die Sitzung mitteilte.“

(Quelle: Neue Zürcher Zeitung, Internationale Ausgabe, Dienstag, 2. Oktober 2012, Seite 3)

Ob dem in der eigenen Partei zum Teil als herb wahrgenommenen Steinbrück die Kehrtwende für die SPD gelingt, hängt von vielen Faktoren hab – vor allem auch vom Parteivorstand. Denn Gabriel hat Steinbrück schon in der Applausskala im Willy-Brand-Haus ausgestochen und auf Andrea Nahles scheint der Hamburger auch nicht vertrauen zu wollen, wenn man Agenturmeldungen glauben schenken darf. Es heißt, Steinbrück wolle ein paar eigene Leute mit ins Willy-Brand-Haus in Berlin bringen.

Im ZDF hatte der vorgesehene Kanzlerkandidat schon gemahnt:

Tweet von @martin_krauss

Steinbrück bleibt Steinbrück und lässt sich politisch nicht umoperieren. #wasnun @zdf

Er sei aber:

Tweet von @martin_krauss

Ich bin für jeden Ratschlag dankbar, soweit er mehr Rat als Schlag ist. #wasnun @zdf

und denke, er:

Tweet von @martin_krauss

#Steinbrück: Werde viele haben, die mich dämpfen #wasnun @zdf

Dämpfen – ein interessantes Stichwort. Der Stone hat eine aufbrausende Natur – zumindest hin und wieder. Dann kann es „spaßig“ werden, oder eben zu weit gehen. Das macht ihn sympathisch und zu einem Politiker, den man sich gerne in der Tagesschau anschaut. Warum? Weil er nicht mit dauerhängenden Mundwinkeln und einem mit dem Händen gebildeten Dreieck zu sehen ist.

Doch auch diese Hamburger Frohnatur kann sich in den nächsten Monaten noch abnutzen. Ähnlich wie im US-Wahlkampf, bei dem Mitt Romney von einem Fettnäpfchen ins nächste stolpert, wird auch in Deutschland schon spekuliert, worauf sich die Journalisten, Leser, Hörer und Fernsehzuschauer noch freuen dürfen. Denn Steinbrücks Wirkung konnte sich bisher besonders durch sein wohldossiertes Auftreten in Talkshows und den Nachrichten entfalten. Jetzt muss er aber erklären – und zwar bis die Bundes-Angie im Keller der Wahlergebnisse versinkt.

Tweet von @martin_krauss

Schausten: Sie taugen irgendwie nicht als #Bankenschreck / zu Steinbrück @ZDf #wasnun

Da hat die ZDF-Journalistin ins Schwarze getroffen – ja, auch ins politisch Schwarze. Mit Steinbrück wird in der Geschichte der Auftritt verbunden bleiben, in welchem er mit der Kanzlerin die deutschen Spareinlagen für sicher erklärte. Er rettete Banken und er erklärt:

Tweet von @martin_krauss

#Eurobonds: #Steinbrück #Eurobonds unter Auflagen sollte man nicht von vornherein ausschließen, wenn man nicht weiß, ob man sie braucht.

Sicher, hat er Recht damit. Diese Position ist vernünftiger, als die Angela Merkels vom Juni 2012. Sie erklärte damals, Eurobonds werde es nicht geben, „so lange ich lebe“, also sie. Doch bisher sind die Eurobonds in Deutschland so beliebt, wie müffelnde Sportsocken von pubertierenden Jugendlichen. Da muss Steinbrück die Socken erst waschen, bevor er sie mit überzeugenden Argumenten den Deutschen zur Wahlurne servieren kann.

„Finanzmarktregulierung und soziale Gerechtigkeit“, damit will SPD-Parteichef Gabriel in den Wahlkampf ziehen. Bei der „Finanzmarktregulierung“ halten die Politiker von CDU/CSU und FDP den Genossen bereits vor, dass sie es waren, die unter Schröder und Eichel die Hedgefonds zugelassen haben. Für Steinbrück heißt es auf diesem Gebiet also – Vorsicht nicht in eine Tretmine der letzten Rot-Grünen Regierung tappen.

Und die soziale Gerechtigkeit, das Kernthema der SPD? Hier muss Steinbrück überraschen, denn Merkel ist dabei auch dieses Gebiet noch kurz vor der Bundestagswahl abzugrasen. Eine Art Mindestlohn, doch ein Rentenkonzept von der Ursula und im Gegenzug ein Steuergeschenk für die FDP-Anhänger. Vorsicht Peer, während du einen „spaßigen“ Wahlkampf machst, könnte Angela ernsthaft sich die Wiederwahl sichern. Also, überrasche deine Wähler!