Das Lehrer-Schüler-Verhältnis: Wie sieht es heute aus?

„Hoffen und Bangen – das Lehrer-Schüler-Verhältnis“ – diesen Leitartikel schrieb ich im Frühjahr 2006 für die von mir mitgegründete Schülerzeitung LEO. In den Text flossen damals eigene Erfahrungen, Berichte von Bekannten, Freunden und auch von Lehrern ein. Es war die Zeit nach PISA und daher auch die Zeit der Diskussionen im Internet zum Top-Thema Bildung. Wie steht es um das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern? Wo liegen Probleme? Was ist dafür verantwortlich? Gibt es Lösungen? Das waren meine Leitfragen. Auf diesen Artikel bin ich nun wieder gestoßen. Ich frage mich nun: Wie sieht es heute aus?

Beim Durchstöbern alter Schülerzeitungshefte bin ich auf einen Text aus dem Jahr 2006 gestoßen: „Hoffen und Bangen – das Lehrer-Schüler-Verhältnis“.  Diesen Text hatte ich vor fünf Jahren geschrieben. Es ist ein Meinungsartikel, der in der Schülerzeitung der Eleonorenschule Darmstadt, LEO, abgedruckt wurde.

Hat sich seit 2006 in dem Verhältnis was verändert? Ist das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern besser geworden? Ich studiere inzwischen und kann das daher nicht mehr selbst beurteilen. Ich möchte an dieser Stelle dennoch eine für mein Weblog bearbeitete Version des Textes veröffentlichen.

Wenn der Text inzwischen als überholt gelten muss, dann schildert mir, wie das Verhältnis zwischen Lehrern und Schüler heute aussieht. Nutzt die Kommentarfunktion und erzählt, welche Erfahrungen Ihr gemacht habt.

Schultisch | Foto: Martin Krauß

Schultisch | Foto: Martin Krauß

Hoffen und Bangen – das Lehrer-Schüler-Verhältnis (2006)

Im Mathematikunterricht wird neuer Unterrichtsstoff durchgenommen, der jedoch von der Klasse nicht auf Anhieb verstanden wird. Die Schüler fragen nach, worauf der Lehrer die Geduld verliert und schreit: Er wundere sich, wie so dumme Schüler es auf ein Gymnasium geschafft hätten. Solche Exemplare hätten auf eine Hauptschule gehen sollen.

Diktatur

Aus vielen Teilen Deutschlands berichten Schüler, es komme häufiger vor, dass gereizte Lehrer ihren Frust an ihnen auslassen. Dies wirkt sich bundesweit auf den Umgangston im Klassenzimmer aus: Schreien statt reden. Drohen statt aufeinander zuzugehen.

Natürlich gibt es Lehrer, die kein Problem damit haben auch unruhige Klassen in ihrem Unterricht zu bändigen. Manche Lehrkräfte glauben allerdings, die Position des diktatorischen Oberhaupts besetzen zu müssen. Diese Lehrer arbeiten gern mit der Einschüchterungstaktik. Sie verstehen es, Schülern gezielt Angst einzujagen. Sie verwechseln Furcht mit Respekt. Ganz Unbelehrbare werfen im Unterricht auch mit Kreide. Das kann aber bei unausgereiften Wurfkünsten schnell ins Auge gehen.

Lehrer-Frust

Des Lehrers Frust resultiert wohl zum einen aus Überarbeitung und Übermüdung. Lehrer müssen – abhängig von Fach und Klassenstufe – teilweise bis nach Mitternacht Arbeiten korrigieren und ihren Unterricht für den nächsten Tag vorbereiten. Sie sollen außerdem nahezu jederzeit für Eltern telefonisch ansprechbar sein.

Zum anderen treffen Lehrkräfte auf große Herausforderungen im Klassenraum. Die Klassen werden unruhiger und die Lehrer sind durch große Klassen, manchmal verstärkt durch schlechte Raumakustik, einem hohen Geräuschpegel ausgesetzt. Das geht auf Kosten der Konzentrationsfähigkeit, kann krank machen und nervt – zum Teil die Schüler auch selbst. Lärm verursacht bei den Jugendlichen, wie auch bei den Erwachsenen Stress.

Schüler-Verhalten

In Deutschland gibt es einige Schüler, die ihre Lehrer regelrecht niedermachen. Andere beschränken sich auf’s Beleidigen. Das Provozieren der Lehrerin oder des Lehrers ist die modernste Masche der Schüler.

So kommt es immer wieder vor, dass Schüler Lehrer mit blöden Bemerkungen zum Unterricht, frechen Antworten oder mit offener Kritik an der Person der Lehrkraft reizen. Statt wie früher die Türklinke oder den Stuhl mit Kleber zu bestreichen, ist Psycho-Terror angesagt.

Ursachen

Hinter der Haltung, dass Schule uninteressant sei und man deshalb im Unterricht stören dürfe, steckt mehr. Viele sehen keine Perspektive mehr für sich. Die Schüler fragen sich, warum sie für die Arbeitslosigkeit nach der Schule überhaupt etwas lernen sollen.

Hinzu kommen komplizierte Verhältnisse in den Familien. Die heile Familienwelt von vor zwanzig, dreißig Jahren ist schon lange nicht mehr da. Den psychischen Druck, dem manche Schüler dadurch ausgesetzt sind, fressen einige in sich hinein, andere suchen sich dafür ein Ventil im Schulalltag.  Schüler oder Lehrer, das ist dann egal. Hauptsache sie können Dampf ablassen. „Mobbing“ ist auch unter den Klassenkammeraden angesagt.

Ein weiterer Faktor für, wie es so schön heißt: Fehlverhalten im Unterricht, ist der Gruppenzwang und die oft fehlende Klassengemeinschaft. Schüler trauen sich manchmal nicht mehr am Unterricht teilzunehmen, weil sie schnell von ihren Mitschülern als Streber oder Schleimer abgestempelt werden.

Interessant ist aber der Unterschied im Verhalten der Schüler im Schulalltag gegenüber beispielsweise dem auf einer Klassenfahrt. Dort sind die Schüler offener für Neues, freundlicher zueinander und oft entspannter als im Klassenraum. Grund ist die Abwechslung von Umfeld und Lehrmethoden.

Einige Schüler meinten, sie könnten sich durchaus auf das Geschehen im Unterricht konzentrieren, aber eben nicht über eine halbe Stunde hinaus, weil der Unterricht nicht ansprechend genug sei.

Tatsächlich sind Schüler beim interaktiven Unterricht, zum Beispiel bei Versuchen in den Naturwissenschaften, eher für den Unterricht zu begeistern, als bei rein theoretischen Unterrichtsstunden. Der Lehrplan sieht zwar beides vor, aber eben in keiner guten Mischung.

Zudem müssten sich die Lehrer davon lösen auf einer höheren Stufe stehen zu wollen. Sie müssen als Partner auftreten, die den Schülern das Wissen nicht einpauken. Die Schüler müssen verstehen, warum sie lernen. Das ist auch eine Frage der Bildungskultur.

Chancen

Es gibt aber nicht nur Lehrer wie die bisher kritisierten. Glücklicherweise gibt es tatsächlich Lehrkräfte, die sich auf die Einzelne oder den Einzelnen einer Klasse einlassen können. Die Schüler haben so die Chance sich den Lehrern auch bei Problemen anzuvertrauen. Denn nur so können Probleme wirklich gelöst und gemeinsame Projekte auf die Beine gestellt werden.

Erst wenn Schüler und natürlich auch Lehrer erkennen, dass ihr Gegenüber auch nur ein Mensch ist, kann das Verhältnis zwischen ihnen gut funktionieren. Natürlich muss auch berechtigte Kritik auf beiden Seiten ausgeübt werden dürfen, solange sie nicht verletzend oder beleidigend ist. Die gegenseitige Abhängigkeit von Lehrer und Schüler führt schnell in einen Teufelskreis der gegenseitigen Schuldzuweisung. Es nützt nichts in diesem Konflikt nur einer Partei die Schuld zuzuschieben, denn in einem Verhältnis sind immer beide Seiten verantwortlich.