Wenn jeder bei Twitter wäre, das wäre traumhaft

Die Rhein-Zeitung gilt in der Branche als Vorbild für die Social-Media-Nutzung. Im Interview erzählt Lars Wienand, warum in jeder Redaktion ein Social-Media-Redakteur sitzen sollte.

Die Rhein-Zeitung setzt seit 2009 verstärkt auf Social-Media-Netzwerke. Koordinator dieser Aktivitäten bei der regionalen Tageszeitung ist Lars Wienand. Er ist Social-Media-Redakteur und damit verantwortlich für rund 40 Twitter-Accounts, den Facebook-Auftritt und das „wer-kennt-wen“-Profil der Rhein-Zeitung. Im Interview fordert er, dass in jeder Redaktionseinheit ein Social-Media-Redakteur vertreten sein sollte.

Herr Wienand, was macht ein Social-Media Redakteur?

Im Prinzip bin ich derjenige, der Social Media als weitere Nachrichtenagentur im Auge behält. Mit Social Media bist du häufig früher unterwegs, als es Agenturmeldungen sind. Gerade, wenn dort Themen aufpoppen, die sich erst noch entwickeln. Ich schule Kollegen in dem Bereich und betreue den Haupttwitter-Account der Rhein-Zeitung (@rheinzeitung). Außerdem habe ich ein Auge auf die Accounts meiner Kollegen. Aber gut ein Drittel meiner Arbeitszeit schreibe ich selbst Texte für unsere Onlineangebote, oder stelle Texte von Kollegen online. Bei Artikeln aus der Lokalredaktion, also aus dem Printbereich, überlege ich mir, ob ich sie noch durch Links aufhübschen kann. Meine eigenen Texte sind häufig zu Social-Media-Themen.

Social Media spielt im Konzept der Rhein-Zeitung also eine große Rolle.

Das ist bei der Rhein-Zeitung ein wichtiger Baustein, der für das Printprodukt allerdings keine große Rolle spielt. Print ist ohne Social Media möglich. Allerdings bringt Social Media ein gutes Image mit sich, wenn es nicht nur als Linkschleuder benutzt wird, sondern auch der Dialog geführt wird.

Die Rhein-Zeitung beschäftigt Lokalreporter, die auch in Social Media unterwegs sind. Können Sie eine Zwischenbilanz zu deren Arbeit ziehen?

Wir haben zwei Kollegen, die richtig gebrandet sind. @RZMoJane und @RZder_Mo, wie sie sich auf Twitter nennen, sind die beiden mobilen Journalisten. Sie machen im Prinzip nichts anderes, als nach Videogelegenheiten zu suchen und eigene Berichte zu drehen. Die Beiden sind in speziell gekennzeichneten Autos unterwegs. Wenn einer von ihnen eine Weile nicht mehr gesehen worden ist, fragen die Leser schon nach.

Die beiden Redakteure haben also eine hohe Akzeptanz bei den Lesern?

Ja, ich denke schon. Beide haben Twitter-Accounts und einen eigenen Blog. Sie haben sich durchaus schon zu Markenzeichen entwickelt. Es kommen auch Tweets: „Ich bin gerade hinter MoJane hergefahren“ oder „Kommst du zu uns zum Filmen“ bei uns an.

Ergeben sich durch Social Media neue Recherchemöglichkeiten?

Es macht es uns bei manchen Themen einfach, an Quellen und Fachleute heranzukommen. Einige Hinweise müssten wir ohne Social Media aufwendiger recherchieren. Wenn es um etwas Innenpolitisches in Berlin geht, dann muss unser Berliner Büro eher wenig auf Social Media zurückgreifen. Wobei unsere Korrespondentin in Berlin auch twittert.

Wie sieht es in den regionalen und lokalen Redaktionen aus? Ist Social Media inzwischen in mehr Redaktionen vertreten?

Bei uns hat jede Lokalredaktion Ihren eigenen Twitter-Account und zum Teil inzwischen auch ihre eigene Facebook-Seite. Aber es gibt in der Branche viele Verlage, die einen automatischen Facebook- oder Twitterfeed eingerichtet haben und meinen, sie wären jetzt auch in Social-Media-Netzwerken vertreten. Ich glaube das Verständnis, was es heißt Social Media zu nutzen, ist noch nicht überall da.

Sehen Sie Social Media als Zukunftskonzept für den regionalen Journalismus?

Wenn man es mit vollem Herzen betreibt, ja. Wenn es verordnet und zur Pflicht gemacht wird, dann ist es eher kontraproduktiv. In jeder Redaktion sollte erkannt werden, dass man sich auf Social Media einlassen sollte. Nicht jeder Journalist soll es tun, aber jede Einheit braucht jemanden.

Sie haben 1996 als Volontär bei der Rhein-Zeitung begonnen. Sie kennen also den Printjournalismus von damals. Was hat sich verändert?

Wenn irgendwo eine Sirene dröhnt oder ein Martinshorn zuhören ist, erreicht uns sofort eine Direct Message oder ein Tweet: „Hier ist gerade etwas passiert. Rhein-Zeitung, was ist da los?“ Wir erfahren über Social Media sehr vieles, sehr viel früher. Durch die Crowdsourcing-Möglichkeiten, die Social Media bietet, haben wir in der Fläche mehr oder weniger auch ein großes Korrespondentennetz. Und durch Rückmeldungen haben wir die Möglichkeit, Fehler schneller zu korrigieren. Die Rhein-Zeitung profitiert somit durch zusätzliches Wissen, zusätzliche Aufmerksamkeit und auch zusätzliche Kontrolle.

Viele Regionalzeitungen haben mit dem Problem zu kämpfen, dass ihre Leser immer älter werden. Die Rhein-Zeitung setzt seit 2009 verstärkt auf ihren Online-Auftritt. Hat sich dadurch etwas in der Gruppe Ihrer Leser verändert?

Unsere Abo-Auflage ist auch nicht im Klettern begriffen. Aber wir argumentieren aus vollem Herzen, dass wir noch nie eine so hohe Reichweite hatten. Unsere Reichweite, und damit erfassen wir die Onlineleser und die Printleser, ist auf einem Rekordwert.

Wie sieht es bei der Rhein-Zeitung mit Weblogs aus? Viele Journalisten stehen dieser Form noch kritisch gegenüber.

Es gibt bei uns eine Reihe von Blogs, die haben aber noch keine sehr große Außenwirkung. Zum Großteil sind es Printkollegen, die ihr Wissen, dass sie über Artikel hinaus haben, auch mal in Blogs preisgeben. Die Vernetzung mit anderen Bloggern findet allerdings noch nicht wirklich statt. Das ist noch eher inselhaft, aber es wird besser.

Wie stehen Sie, als Social-Media Redakteur, zu Twitter und Facebook?

Ich mag Twitter lieber als Facebook. Das Medium meiner Wahl ist Twitter. Ich empfinde es als qualitativ hochwertiger, auch was die Menschen, die Dialoge und Rückmeldungen angeht, die man da bekommt. Wenn jeder bei Twitter wäre, wäre das traumhaft. Die müssen uns dann aber auch alle folgen. Wobei man natürlich sagen muss, dass mit der Zahl der Follower auch die Arbeit wächst. Als Social-Media Redakteur bin ich dann die Rhein-Zeitung in all ihren Abteilungen.

Was denken sie, wie sich der regionale Journalismus in den nächsten fünf Jahren verändern wird?

In fünf Jahren? Der Journalismus ist ständig im Fluss und vor zwei Jahren hat niemand an Twitter gedacht. Natürlich gab es auch schon Twitterer in Deutschland, aber damals war bei uns „wer-kennt-wen“ viel stärker. Das ist heute völlig im Niedergang begriffen, weil Facebook hinzugekommen ist. Location-Based-Services, die Nachrichten einem bestimmten Ort zuordnen, sind jedoch noch ausbaubar. Für die Zukunft könnte ich mir das vorstellen. Die Rhein-Zeitung probiert das jetzt zur Bundesgartenschau in Koblenz aus.

Herr Wienand, vielen Dank für das Interview.

Information

Dieses Interview entstand im Frühjahr 2011 im Rahmen des Semesterprojekts StraBaDa. In dem Lokaljournalismus-Projekt des Studiengangs Bachelor Online-Journalismus (SS 2011, h_da) haben wir Studenten Interviews mit Journalisten, Medienmachern und -beobachtern aus ganz Deutschland geführt. Das Ergebnis ist eine kleine Bestandsaufnahme zum Thema Lokaljournalismus, welche auch dieses Interview enthält.