Augsburger Puppenkiste nicht mehr zeitgemäß? – Doch!

Der Kinderkanal sortierte im vergangenen Herbst die TV-Mehrteiler der Augsburger Puppenkiste aus. Die Inszenierung sei nicht mehr „zeitgemäß“, weil sie zu langsam sei. Doch dieses „zeitgemäß“ ist nicht ungefährlich für die Zielgruppe.

Der Kinderkanal stufte im Herbst 2011 die Sendungen der Augsburger Puppenkiste als „nicht mehr zeitgemäß ein„:

„Den Kindern heutzutage ist das Marionettenspiel zu langsam“

erklärte die Kika-Sprecherin Gabriele Noll im Herbst die Entscheidung des Senders keine weiteren Ausstrahlungen der Puppenkiste vorzunehmen. Man habe bei der zuletzt gezeigten Reihe der Augsburger Puppenkiste Einschaltquoten erreicht, die okay gewesen seien. Allerdings hätten nicht die Kinder eingeschaltet, sondern Erwachsene.

Nun möchte der Intendant des BR, Ulrich Wilhelm, die Augsburger Puppenkiste wieder ins Fernsehen bringen.
In einem Interview erklärte Wilhelm laut dpa:

„Die Figuren sind Klassiker […] und die liebevolle Umsetzung spricht meiner Meinung nach auch die Kinder von heute an.“

(Quelle: Augsburger Allgemeine)

Zudem wurde in der dpa Meldung vom br betont: „Es sei jedoch wichtig, dass die möglichen Ausstrahlungen zeitgemäß seien“ (Quelle: Augsburger Allgemeine).

Zeichentrick ist „zeitgemäß“ ?

Augsburger Puppenkiste | Foto: Martin Krauß

Augsburger Puppenkiste | Foto: Martin Krauß

Die Klassiker der Augsburger Puppenkiste sind damit nun auch vom Bayrischen Rundfunk als „nicht mehr zeitgemäß“ abgestempelt worden. Es ist zwar gut, dass über neue Projekte mit der Augsburger Puppenkiste nachgedacht wird, aber zeitgemäße austauschbare Serienware, wie sie derzeit überwiegend im Kinderkanal gesendet wird, kann ich mir von der Puppenkiste nicht vorstellen.

Waren noch zu Beginn des neuen Jahrtausends viele Realfilmserien und -filme im Kinderkanal zu finden, ist dieser inzwischen durch Zeichentrickserien und -Reihen dominiert. Hier hat über Jahre hinweg eine Anpassung an die private Konkurrenz stattgefunden.

Als Konstante, was Serien und Filme mit Realfilmcharakter betrifft, ist im Kinderkanal noch die 20 Uhr bis 21 Uhr Schiene geblieben. Im Tagesprogramm ist vor allem Schloss Einstein noch der Fels in der Brandung. Doch sowohl das Abendprogramm, als auch Schloss Einstein richtet sich an eine ältere Zielgruppe.

Für Kindergartenkinder und Grundschüler wird vor allem Zeichentrick gezeitg, der zum Teil wenig mit der Realität zu tun hat und austauschbar ist. Anzeichen deutscher Kultur sind in der Inszenierung dieser Serien kaum erkennbar.

US-Studie: Zeichentrickfilme beeinflussen Kinder im Vorschulalter negativ

Aktuelle Studien aus den USA beschäftigen sich mit den Auswirkungen von temporeichen und reizüberflutenden Zeichentrickprogrammen:

„Researchers from the University of Virginia showed 60 4-year olds a 9-minute chunk of what they call an „animated kitchen sponge“ cartoon. The experts then tested the children’s memory and thinking skills and compared their scores to other youngsters, who had watched a slow-paced educational cartoon or drew pictures with crayons and markers.“

(Quelle: http://thechart.blogs.cnn.com)

Die Wissenschaftler der Universität Virginia zeigten 60 vier Jahre alten Kindern einen neun Minuten dauernden schnell geschnittenen und nichtbildenden Zeichentrickfilm. Anschließend wurde das Gedächtnis der Kinder und ihre kognitiven Fähigkeiten mit Kindern verglichen, die einen langsam geschnittenen und bildenden Zeichentrickfilm gesehen hatten, oder Bilder mit Bunt- oder Filzstiften gemalt hatten.

„The pre-schoolers who watched the fast-paced shows did much worse on the thinking tests than those in the  two other groups.“

(Quelle: http://thechart.blogs.cnn.com)

Die Kinder im Vorschulalter, die den schnellen, hektischen Zeichentrickfilm gesehen haben, hatten mehr Probleme bei den anschließenden Tests, als die beiden anderen Gruppen.

„The researchers suspect that the brain gets overtaxed or tired from all of the stimulation from the fast-paced cartoons leading to lower scores.“

(Quelle: http://thechart.blogs.cnn.com)

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass das Gehirn von den temporeichen Zeichentrickfilmen überfordert und müde wird, sodass es weniger leistungsfähig ist.

Die Studie ist ein Pro-Argument für die Mehrteiler der Augsburger Puppenkiste.

Augsburger Puppenkiste fördert Kreativität und Fantasie

„Jim Knopf“, „Urmel aus dem Eis“ oder „Das Sams“ überzeugen die Kinder auch heute noch. In den Zeichentrickfassungen sind sie häufig hektisch und mit visuellen Reizen überfrachtet. Die Inszenierungen der Augsburger Puppenkiste lassen den Kindern dagegen die Freiheit zu träumen.

Die Mehrteiler der Puppenkiste sind zum Kulturgut der BRD geworden. Sie vermitteln Werte, die noch immer aktuell sind. Sie regen die Kinder zur kreativen Auseinandersetzung mit den Figuren an und lassen Zeit und Raum für Fantasie.

Genau das vermisse ich bei den aktuellen Produktionen für Kinder. Häufig sind diese an die Trends der Erwachsenen anbiedernd. Auch bei Kinderproduktionen wird auf eine Steigerung des Tempos gesetzt und der öffentlich-rechtliche Kinderkanal macht da leider mit.

Warum sind bei all dem Tempo die Zeichentrickfilme von Walt Disney so erfolgreich? Sie lassen ebenfalls Zeit für Fantasie. Das macht den Zauber von Walt Disney aus und auch den Zauber der Augsburger Puppenkiste. Zeit zum Träumen ist doch ein Schlüssel zum Glück in der temporeichen Welt.

Weniger Tempo, spannende Geschichten

Auf die Ausstrahlung der Klassiker aus Augsburg sollte der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht verzichten. Zugleich müssen neue Geschichten gefunden werden, die Kinder heute ansprechen. Diese müssen jedoch nicht wie Lilalu im Schepperland auf 13 Folgen ausgebreitet werden, die dazu noch zwanghaft modernisiert wirken.

Macht die Augsburger Puppenkiste wieder zu einem Event, zu einem einzigartigen TV-Erlebnis, dass zum Beispiel an den vier Adventssonntagen zum Träumen einlädt.

Die zahlreichen ausverkauften Theatervorstellungen in Augsburg beweisen doch, dass Kinder von dem Puppentheater noch immer fasziniert sind.